Ein Buch voller leerer Blätter

Es ist Anfang Mai und warm. Von meinem Kinderzimmer aus sehe ich in unseren Garten. Nahe am Fenster steht ein Kirschbaum, daneben Büsche mit Stachelbeeren und Johannisbeeren. Den Baum mag ich besonders. Wenn er blüht, ähnelt er einer knorrigen Braut unter einem prächtigen Schleier. Bald wirft der Brautbaum seinen Schleier ab und für eine kurze Zeit bedecken die kleinen Blüten den ganzen Boden unter dem Fenster. Im Baum lebt eine Fee. Nachts winkt sie mir zu und flüstert in meine Träume hinein. Natürlich weis ich, dass es keine Feen gibt, schließlich bin ich neun Jahre alt, also kein Baby und komme im Sommer in die vierte Klasse. Aber mir gefällt die Vorstellung.

Vom nahen Spielplatz dringt der Lärm spielender Kinder in mein Zimmer und erinnert daran, dass ich hinausgehen sollte. Mutter wäre das vermutlich recht. Aber sie ist ohnehin nicht zu Hause, also sieht sie es nicht und ich tue mich schwer mit den anderen Kindern. Wenn ich renne, watschele ich wie eine alte Ente. Außerdem schmerzen meine Beine. Ich beklage mich nicht wegen der schmerzenden Beine, habe andererseits keine Lust die Schmerzen regelrecht herauf zu beschwören. Auf die Hänseleien der Kinder, wegen meines merkwürdigen Ganges kann ich erst recht verzichten. Wenn ich renne, quaken sie mir hinterher und bewegen die Arme wie Flügel.

Ich öffne ich das Fenster damit die Frühlingsluft herein kommt und beschließe einen gemütlichen Tag zu verleben. Das Zimmer, das ich mit meiner jüngeren Schwester bewohne, ist klein. Auf jeder Seite steht ein Bett. Ihres neben der Tür zum Schlafzimmer der Eltern, meines gegenüber. Zwischen uns ist ein schmaler Platz zum Spielen. Außerdem hat jede von uns Mädchen einen eigenen Schrank, in dem unsere Kleidung und die Spielsachen verstaut sind. Seit gestern hängt ein weißes Regal über meinem Bett: Platz für all meine Bücher! Es sind fast hundert und ich habe jedes Einzelne davon mehr als einmal gelesen. Einige der Bücher sind schon alt. Es sind die Märchenbücher meiner Großkusine. Die Schrift darin ist seltsam verschnörkelt. Ich hatte eine Weile gebraucht, sie lesen zu lernen. Aber um der Märchen willen lernte ich sie.
Fest verschlossen zwischen den Deckeln der Bücher, eingehüllt in den Duft von altem und neuem Papier leben meine Freunde. Das erste Buch der kleinen Sammlung hat einen Ehrenplatz: „Ute mit der Tute“. Ich war mit Ute unterwegs, während sie mit ihrer Wünsche erfüllenden Zaubertute herrlichen Unfug angestellt hat. Jeden gelungenen Streich habe ich mit ihr gefeiert! Am Ende hatte jemand die Tröte kaputt gemacht. Dafür bekam die Untröstliche einen Zauberfüller geschenkt. Mit diesem Füller schreibt Ute automatisch alles richtig. Ein derartiges Schreibgerät könnte ich gebrauchen. So viel und so gerne ich auch lese, die richtige Schreibweise der Wörter wollen einfach nicht in meinen Kopf. Die fünfen in den verhassten Diktaten bescheren mir regelmäßigen Ärger und stundenlanges Üben. Immer wieder Diktate. Ich schreibe ungern. Ich bin zu dumm dazu. Wer nicht richtig schreiben kann, der ist dumm, sagt Mutter. Wenigstens kann ich Lesen. Das lernte ich erstaunlich schnell. Seitdem habe ich jede Menge Freunde. Sie laden mich ein zu ihren Abenteuern. Ich verschwinde und die Welt versinkt in einem wohltuenden Nebel. Wenn ich lese, erwachen die Bücher. Die Figuren darin stehen auf, sie reden mit mir. Ich sehe mit ihren Augen, höre mit ihren Ohren und ich rieche mit ihren Nasen. Fremde Orte entstehen um mich herum. Höhlen, Wälder, Schlösser, Burgen und magische Wesen. Kuchenbackende Mütter und Geschichten erzählende Großmütter. Ich spiele mit Prinzessinnen, reite mit Prinzen los, um Drachen zu erlegen. Zauberer und Hexen bevölkern den schmalen Raum zwischen den Betten. Ganze Welten stehen wie geheime Schätze in Buchdeckeln in meinem Regal. Ich kann mir jeden Tag aussuchen, in welcher ich heute verschwinden will. Und wenn ich nach einer bestimmten Welt, nach bestimmten Freunden Sehnsucht verspüre, warten sie zuverlässig auf mich in dem neuen, weißen Regal.

Zu Ostern schenkte meine Patin mir ein besonderes Buch. Es ist voller leerer Seiten. „Tagebuch“ steht in silberner Schrift auf dem Einband. Meine Tage sind nicht spannend. Sie in das wunderschöne, blaue Büchlein zu schreiben scheint mir vergeudetes Papier. Ein silbernes Schloss hällt die Seiten des Buches zusammen. Ein winziger Schlüssel gehört dazu. Niemand wird lesen, was ich darin aufschreiben werde, hat die Patentante gesagt. Immerhin sieht damit auch keiner meine Rechtschreibfehler. Die leeren Seiten waren erst eine Enttäuschung. Leere Seiten, das bedeutet: keine Geschichten, kein Abtauchen in Abenteuer, keine neuen Freunde. Aber da war auch eine Faszination, die ich nicht greifen konnte. Leere Seiten, die nach etwas verlangten. Nur, wonach? All das schleicht mir durch den Kopf, während ich überlege, mit welchem meiner Bücher ich den Nachmittag verbringen will. Ich greife in mein Regal und drehe eben dieses leere Buch in den Händen. Das blaue Buch mit dem Schloss, die Schlüsselchen noch daran hängend. Ich setze mich auf das breite Fensterbrett und blättere darin, wohl wissend, dass nichts darin steht. Leere Blätter.
Die Fee im Kirschbaum lächelt zu mir herüber und zeigt in Richtung der Straße.

Links kann ich einen Teil des Bürgersteiges sehen. Zwei Kinder fahren dort mit einem Skateboard. Es sieht aus, wie ein einziger Rollschuh mit einem bunten Brett darauf. Wer kam auf die Idee, ein Brett auf einen Rollschuh zu schrauben? Wie könnte es gewesen sein? Warum hat das jemand gemacht? Das Skateboard packt mich, obwohl ich mich niemals trauen würde darauf zu fahren. Ob es die Kinder selbst erfunden haben? Freunde, die miteinander spielen wollten, aber nur ein paar Rollschuhe hatten? Es scheint mir möglich. Warum auch nicht? Kinder haben Ideen, so lange niemand sie daran hindert. In meinem Kopf formt sich eine Geschichte. Ich sehe die beiden vor mir. Es sind zwei Jungs. Ich höre sie reden, sich beraten. Ich stehe unsichtbar hinter ihnen. Eine Scheune taucht auf. Sie sieht fast so aus, wie die Scheune neben unserem Haus. Dort finden sich Werkzeuge, ein Brett, Farbe. Ich rieche den Duft der Farbe und des gesägten Holzes. Einer der Jungs hat eine Idee. Sie werden aus einem Paar Rollschuhe zwei Rollbretter bauen! Natürlich gibt es einen netten Vater, der den beiden dabei hilft. Einen Vater, wie ich gerne einen hätte, freundlich, hilfsbereit, einen der Zeit hat. Da wird gebastelt und gemalt und am Ende stehen dort zwei Skateboards.

Die Geschichte in meinem Kopf fasziniert mich. In meiner Hand liegt das blaue Buch mit den leeren Seiten. Leere Seiten! Aufregend! Ein Buch, das noch nicht geschrieben ist. Die Blätter verwandeln sich zu Möglichkeiten. Zu meinen Möglichkeiten, zu meinen Geschichten, die noch nicht geschrieben sind. Ich, die ungern schreibt, weil das mit der Rechtschreibung einfach nicht in den störrischen Kopf will, schnappe das Buch, einen Federhalter und setzte mich auf den Boden zwischen den Betten. Die Welt um mich hört auf zu existieren. Die ersten Seiten zu füllen sich. Es gibt nur noch mich, einen Federhalter und eine Geschichte, die sich aus dem Raum um mich herum über die Tinte in ein blaues Buch ergießt, in krakeliger Kinderschrift und vor Rechtschreibfehler strotzend. Ohne zu wissen, wie lange ich bäuchlings auf dem bunten Teppich verbrachte, wird sie fertig. Ich stehe auf wie betäubt, habe einen Riesenhunger und muss dringend zur Toilette. Nichts davon hatte ich bemerkt. Das blaue Buch stelle ich sorgsam verschlossen in das Regal über meinem Bett zu den anderen Büchern.

Eines Tages will ich Bücher schreiben.

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Die Tür

Geriffeltes Glas, ein Rahmen aus rötlich-braunem Holz und die messingfarbene Borte zwischen Holz und Glas. Neben der Tür, eine Wand aus Spiegelkacheln die jedes Bild unweigerlich in kleine, quadratische Teile zerbrach. Ich sah mich nie ganz darin; immer in Mosaikteile zerbrochen, die drohten durcheinander zugeraten.
Die Tür, zwischen mir und der Welt. Auf meiner Seite, das vertraute Gefängnis, gewohnte Folter und die Wärter. Mein zu Hause.
Hinter der Tür, nichts als verstörende, kalte, klare Freiheit. Ein ganzes Leben stand ich vor dieser Tür, starrte sie und das zerklüftete Spiegelbild neben ihr an.
Der sanft geschwungene Messinggriff verlangte, hinunter gedrückt zu werden.
Sie würde aufschwingen, mich nach draußen stoßen. Die Tür war nicht abgeschlossen. Das war sie nie. Der Schlüssel steckte im Schloss, niemand hatte ihn je herumgedreht. In meinem Kopf hatten die Wärter sie fest verschlossen.
Ein einziger Griff meiner Hand würde genügen. Ich konnte fühlen, wie sich das kalte Metall sanft in die Handfläche schmiegen wollte. Die Tür wollte es mir leicht machen.
Mein ganzes Leben stand ich nun schon vor dieser Tür, stellte mir das Messing in der Hand vor, wie ich es herunter drückte, die Tür öffnete und einfach ging.
Am unteren Ende, knapp über dem Boden war etwas mit Kreide geschrieben. Die Schrift flimmerte bläulich:
„Du musst dich nur trauen.“

Anubis

Schon wieder waren zwei Knospen ihres Rosenbusches abgebrochen. Karo seufzte.
„Schau dir das an, Anubis.“ Anubis, eine betongraue Sphinx, sah es sich an. Ziemlich genau sogar, wenn man bedachte, dass sie eine Katze war. Das graue Tier mit dem schrumpeligen Katzengesicht folgte Karina auf Schritt und Tritt, wenn sie nicht gerade in Karinas Bett eingekuschelt den Tag verschlief. Sie saß neben ihrem Teller, bewachte Karinas Schlaf und verscheuchte fremde Katzen energisch aus dem kleinen Garten. So benahm sie sich vom ersten Tag an, seit Karina sie zwei Wochen zuvor zu sich genommen hatte. Die junge Frau half einmal die Woche bei einem befreundeten Tierarzt aus. So auch an dem Tag, an dem Anubis hatte sterben sollen. Angeblich hatte die Katze den alten Kater der Familie verjagt und versucht das neugeborene Baby zu ersticken. Der Docktor sollte das arme Tier einschläfern. Statt dessen hatte Karina die laut klagende Katze mitgenommen. Nun lebte sie bei Karina und schien sich denkbar wohl zu fühlen. Und weil die junge Frau wenige Tage danach einen lang vermissten Freund wieder getroffen hatte, betrachtete sie Anubis als ihre Glückskatze. So waren sie also ein Herz und eine Seele.
„Hilft nichts, ich muss zur Arbeit,“ erklärte sie der Katze, die aufmerksam die Ohren spitzte.
„Redest du immer mit der blöden Katze?“ Das war Kevin, der Nachbarsjunge. Zwölf Jahre alt, zu dick, zu dumm und vor allem zu frech für sein Alter.
„Jep,“ antwortete Karo, „und wenn keiner zuhört, dann antwortet sie sogar.“
„Das Vieh ist total hässlich. Das sollte besser in der Wohnung bleiben,“ krähte Kevin und bemühte sich bedrohlich zu klingen. Anubis fauchte ihn an.
„Siehst du, die versteht jedes Wort,“ entgegnete sie dem Jungen, schnappte sich die Katze und verschwand in der Wohnung. Dort gab sie Anubis eine Schale ihres Lieblingsfutters, Hähnchenstücke mit Käse, und verabschiedete sich von ihrer Freundin: „Pass ein bisschen auf die Rosen auf, ja? Ich muss los“
Es war Mittwoch, der Tag, an dem sie in der Praxis aushalf.
Kaum hatte Karo die Wohnung verlassen, streckte sich der graue Körper, die Muskeln unter der betonfarbenen Haut bewegten sich wie Würmer, die Knochen begannen sich knackend zu verändern. In wenigen Sekunden stand dort, wo vorher eine graue Katze gekauert hatte, eine junge Frau mit glänzendem schwarzen Haar. Sie ging ohne Zögern in das Schlafzimmer und zog Karos rotgeblümten Kimono über. Dann ging sie in den Garten, schnappte sich einen Liegestuhl und machte es sich in der Sonne gemütlich. Wenige Minuten später öffnete sich die Tür des Nachbarhauses. Der übergewichtige Kevin und seine verhärmt aussehende Mutter verliesen das Haus und machten sich daran, Karos kleinen Vorgarten zu durchqueren.
„Hey, sie haben schon einen richtigen Pfad hier durchgetrampelt.“ Die Nachbarin sah die Frau böse an und bog zum Bürgersteig hin ab. Kevin reckte seinen speckigen Mittelfinger. „Und du junger Mann, lass die Rosen in Ruhe. Sonst gibts Ärger!“
„Lassen sie lieber meinen Sohn in Ruhe,“ keifte die Nachbarin. „Und auserdem ist das gar nicht dein Haus,“ setzte Kevin hinterher. Anubis sah den beiden nach. Ein böses Lächeln umspielte ihren Mund als sie aufstand und mit streichelnden Bewegungen über die verbliebenen Knospen der Rose strich.
Als Karo nach Hause kam lag eine kleine, betongraue Katze friedlich in ihrem Bett und schlief.
Zwei Tage später klingelte es an der Tür. Die aufgebrachte Nachbarin mit einem entstellten Jungen an ihrer Seite funkelte Karo an. „Was für ein Giftzeug haben sie in ihrem Garten versprüht? Sehen sie was sie hier angerichtet haben. Das ist Körperverletzung, ich zeige sie an….“ Die Schimpfkanonade nahm kein Ende. Erst jetzt erkannte sie Kevin. Gesicht und Hände waren mit dicken, roten Pusteln übersäht. Rotz lief ihm aus der Nase. „Das tut so weh“ heulte er.
„Nichts,“ sagte Karo nur. „Reist du meine Rosenknospen immer ab“?„Kinder machen so etwas. Kein Grund sie gleich zu vergiften“ schnaubte die Nachbarin. Anubis saß derweil neben Karo und putzte sich. Die Nachbarin verschwand schimpfend und zog den heulenden Kevin hinter sich her.
„Hast du vertanden, was mit denen los ist, Anubis?“ Die Katze räkelte sich und gähnte ausgiebig.
Am nächsten Mittwoch saß Anubis, wieder in Karos Kimono im Garten, als ein dicklicher Junge mit bandagierten Händen vorbeischleichen wollte.
„Na, das juckt bestimmt.“ Sagte sie und zeigte auf die roten Pusteln im Gesicht. Kevin nickte und wollte schnell weiter gehen. „Brennt es?“ Rief sie ihm hinterher. Kevin kehrte langsam um. „Weist du etwas dagegen?“
„Ja, entschuldige dich bei der Rose.“ Kevin starrte sie an.
„Spinnst du?“
„Deine Sache, mir brennt nichts.“ Kevin besah sich die Rose und murmelte „tschuldigung“. Mit einem leichten Kribbeln schwoll die Nase ab und Kevins normale Haut kam zum Vorschein. Verdutzt fasste er sie an.
„Du musst es lauter sagen.“ Er drehte sich noch einmal zur Rose um und sagte laut und deutlich „Entschuldigung Rose.“ Das Kribbeln erfasste beide Ohren.
„Die Rose mogelt“, maulte er Anubis an. Du musst es richtig, richtig laut sagen. Und nett sein dabei“!
Kevin dreht sich wieder dem Busch zu und brüllte: „Entschuldigung liebe Rose, ich tue es nie wieder!“
„Was machst du da, Kevin?“ Hinter ihm stand seine Mutter mit verschränkten Armen. „Bist du jetzt total übergeschnappt?“ „NNNein, stotterte der Junge, die Frau da hat gesagt, das hilft gegen den Ausschlag.“ Er lieg tiefrot an und zeigte mit ausgestrecktem Arm auf den Liegestuhl. Dort, wo eben noch die junge Frau lag, hatte sich eine graue Katze zusammengerollt. Auf dem Boden lag ein rotgeblümter Kimono. Während die Nachbarin einen purpurroten Jungen hinter sich her ins Haus zog, blinzelte Anubis in die Frühlingssonne.

Göttinendämmerung

Servus Leute, ich bin es: euer Gott. Genauer gesagt, euere Göttin. Ich schuf die Frau nach meinem Ebenbild und den Mann als abgespeckte Version, ihr zu dienen, zu ihrem Schutz vor wilden Tieren und um sie zu erfreuen. Hat ja super geklappt. Statt seine Arbeit zu erledigen verbringen einige der Kerle ihre Zeit damit, Frauen unschöne Dinge anzutun, die ich hier nicht weiter erwähnen werde. Ihr wisst, wovon ich rede. Lasst die mir in den Himmel kommen!
Im Augenblick müssen die Seelen allerdings auf ihr Abschlussgespräch zum jeweils letzten Leben warten. Ich bin auf Erdenurlaub. Gelegentlich gönne ich mir eine Wiedergeburt und bleibe ein ganzes Menschenleben hier, zwischen euch. Schließlich will ich auch etwas von meiner Schöpfung haben. Das mit den sieben Tagen, wie es in der Bibel steht, ist übrigens Quatsch. Die Erde zu erschaffen, so wie sie jetzt ist, war eine Menge Arbeit. Und wenn ich sehe, wie ihr mit eurem Spielzeug umgeht … Also, ich baue vorerst keine Neue, wenn sie kaputt ist. Nur damit ihr das klar ist.
Kinder!
Was ich auf der Erde treibe? Ich habe mir ein Wenig Übergewicht angefuttert (das mit der Pizza habt ihr super hinbekommen. Lecker, das Zeug, Mama ist stolz auf euch), schlendere durch die Welt und sehe dabei zu, was ihr treibt. Und weil ich Geld brauche, diesen Körper zu versorgen, habe ich mich zu HarzV angemeldet. Einer der Gründe, warum ich Deutschland als Urlaubsort gewählt. Man könnte mich also, streng genommen, zu den Wirtschaftsflüchtlingen zählen. Ich lebe hier, obwohl ich mich in jedem Teil der Welt hätte niederlassen können und falle dem deutschen Sozialsystem auf die Tasche. Na, was sagt ihr nun?
Warum ich nicht arbeite? Weil das nicht meine Aufgabe ist. Ich habe den ganzen Kram um euch herum gebastelt. Und nun ist das göttliche Sein alles, was ich zu tun gedenke. Lebt damit.
Warum es Kriege, Hunger und Armut gibt? Es ist nicht mein Job, mich hier um jeden Scheiß zu kümmern. Ich erschuf Himmel und Erde mit allem, was darauf kreucht und fleucht. Euch inclusive. Der Rest müsst ihr regeln. Und nein, ich interessiere mich auch nicht für Politik. Ich habe jedem Menschen, ja, sogar den Männern, selbstden Politikern, ein Gewissen mitgegeben. Das ist sozusagen die göttliche Standleitung über die ihr jederzeit das, was ihr tut, hinterfragen dürft. Wer fragt, der bekommt Antwort. Ungefragt halte ich mich da raus. Freier Wille und so, schon vergessen? Ich mische mich erst im Abschlussgespräch wieder aktiv ein. Atheisten finde ich im Übrigen süß. Deren dumme Gesichter solltet ihr sehen, wenn sie bei mir, am göttlichen Himmelstisch zum Gespräch erscheinen.
Ob es eine Extrastrafe für Unglauben gibt? Warum sollte ich? Vor mir sind alle gleich. Und ich bestrafe auch niemanden. Das erledigt sich quasi von alleine. Göttlicher Thron? Nö, brauche ich nicht. Ist mir zu ungemütlich. Am Küchentisch lässt es sich einfach besser reden. Direkt vor meinem Angesicht martert ein schlechtes Gewissen die Seele gewaltig. Die reinste Hölle. Adolf zum Beispiel. Der windet sich immer noch in der Qual seiner Gewissensbisse.
Da fällt mir auf, eigentlich wisst ihr schon alles. Allein das Wort „Gewissensbisse“! Nehmt das ruhig wörtlich, es passt besser, als ihr ahnt. Achtet überhaupt ein wenig mehr auf die Sprache. Nicht vergessen, am Anfang war das Wort!

Inkarnation 6

Ich sah den Kindern nach, so wie manche Leute die besonderen, die wertvollen Möbel anschauen, die in manchen Wohnungen stehen. Und die Kinder wurden auf mich aufmerksam. Ein kleines Wunder, die beiden wollten mich haben! Eine andere Person besah mich, hob mich an, klopfte auf mir herum. Schäbig, sagte jemand. Das tat weh. Schäbig aber solide. Ich schämte mich meiner stumpf gewordenen Oberfläche. Wir machen ihn wieder schön, hörte ich. Dann könnt ihr das Teil haben. Wie immer hatte mich keiner gefragt, wie üblich erklärte mir niemand, was nun kommen würde, aber ich kam aus dieser Wohnung heraus. Hin zu den gut riechenden Kindern.
Es dauerte nicht lange und ich wurde unruhig. Vor mir stand weiterhin der verschlissene Sessel. Eine riesige Uhr tickte laut vernehmlich und dokumentierte die Zeit, wie sie Sekunde um Sekunde verrinnt. Ob man mich vergessen hatte? Ob ich hier einstauben würde? Auf ewig vereint mit dem modrig riechenden Sessel und der tickenden Uhr? Die Uhr erinnerte mich an die Vergesslichkeit der Leute. Ich wäre gerne losgezogen, die kleinen Leute zu suchen. Aber das tun Möbel nicht. Möbel warten, bis sie jemand holt. Selbst wenn ich es versuchen würde, ich könnte mich verlaufen und nicht wieder gefunden werden, oder die Kinder erkannten mich nicht wieder, wenn ich nicht vor dem stinkenden Sessel stehen bliebe.
Die Leute kamen wirklich wieder. Viele Möbel und andere Dinge wurden abgeholt. Auch ich. Wenig später fand ich mich in einer kleinen Werkstatt wieder. Sie ähnelte der Werkstatt, in der ich zur Welt kam. Es roch nach frischem und nach altem Holz. Ich mag diesen Duft noch heute, obwohl ich längst kein Möbel mehr bin.
Die beiden Kinder halfen einem Mann an mir zu arbeiten. Man schliff mich ab. Das kitzelte. Man bestrich mich mit himmelblauer Farbe. Damit war ich nicht einverstanden. Ich liebte mein Holz genau so wie es war. Poliert und gewachst. Möbel haben kein Mitspracherecht. Ich gebe zu ein wenig geschmollt zu haben.
Ich blieb alleine in der Werkstatt. Vor lauter Farbe konnte ich den Geruch des Holzes, des frischen und des alten im Raum kaum noch wahrnehmen. Ich vermute, man hat mein nicht einverstanden sein bemerkt, so wie man meine sehnsüchtigen Blicke in der modrigen Wohnung bemerkt haben musste. Die Menschenjungen waren so viel klüger, als die ausgewachsenen Exemplare. Ich haderte, wieder einmal, mit meinem Schicksal.
Die Kinder und der Mann kamen zurück. Ich sei fast fertig, hörte ich sie reden. Ich war noch wegen der Farbe verärgert und die Tatsache das man, wie üblich, über mich statt mit mir redete hob meine Laune nicht nennenswert an. Egal, wer stört sich schon am Ärger eines Möbels!
Die Kinder bekamen kleine Pinsel und begannen, weiße Wölkchen auf die nun himmelblaue Oberfläche zu malen. Sie malten mit einer Sorgfalt, ja, mit einer solchen Hingabe das mein Groll sich in diesen Wolken auflösten. Sie redeten dabei. Mit mir! Sie erzählten mir, wie hübsch ich bald sein würde und das ich einen ganz besonders schönen Platz in ihrem Zimmer haben sollte und wie neidisch ihre Freunde wären, wenn sie mich erst zu Gesicht bekämen. Oh, das tat gut! Es war mir in diesem Moment egal, was genau ich war. Mein Sinn des Lebens bestand darin, genau diese beiden Kinder glücklich zu machen. Ich konnte es kaum erwarten, bis meine Bemalung trocken war. Bald war es soweit. In einer feierlichen Prozession trug der Mann, gefolgt von den Geschwistern, in ihr schlicht aber nett eingerichtetes. Ich war das glücklichste Möbel der Welt!
Es wurde wieder wie in meiner Jugend. Man stellte kleine Stühle um mich, eine Decke kam auf die Oberfläche und feuerrote Tellerchen. Die Kinder saßen da, aßen Kuchen und redeten wie die großen Leute. Es war drollig anzuhören. Die Freunde der Kinder kamen und alle haben mich bewundert. Alle wollten auch so einen wie mich. Eine wundervolle Zeit. Sie hätte stehen bleiben sollen. Nicht wegen mir, wie gesagt, für unsereins hat die Zeit keinen großen Stellenwert. Nicht einmal meine gelegentliche Aufgabe als Trittleiter hatte mich gestört, so reizend waren die beiden.

Inkarnation 5

Die Leute halfen der Alten auf den Sessel. Eine junge Frau hob ihre Beine an und legte sie auf mir ab. So weit war es nun also mit mir gekommen! Eine Ablage für vermodernde Beine! Welch eine Demütigung. Ich wartete und ich hoffte, ja ich bangte. Ich sehnte mich zurück zu meinem alten Schrank, der mir angesichts dieser Beine wunderschön gewesen schien. Nicht dass ich den Berg Kleider auf mir vermisst hätte. Aber sie waren sauber gewesen, nicht modrig. Ich stand geduckt unter dem dicken Kissen, sorgsam darauf achtend, dass die Moderbeine meinem Holz fern blieben, und träumte von Möbelpolitur und weichen Lappen. Ich dachte daran, vorsichtig auszubrechen. Ein kleiner Ruck zur Seite würde genügen, diesen Beinen zu entkommen. Ich habe es nie gewagt. Möbel tun so etwa nicht. Ich zog in Erwägung einfach zusammen zu brechen, selbst wenn es das Ende meines Seins als Möbel bedeutete. Ich probierte es das ein oder andere mal. Ich zu stabil gebaut. Mir blieb das stille Leiden, und die Hoffnung, das einst jemand die glanzlos gewordene Oberfläche bemerken würde.
Nicht nur mein einst sanft schimmerndes Holz wurde matt, ich selbst stumpfte ab. Ich sprach nicht mehr mit den anderen Möbeln. Auch nicht mit dem Sessel. Um ehrlich zu sein, ich habe diesen Sessel verachtet. Es war eine einsame Zeit. Sie ging vorüber, weil Menschen nicht stabil gebaut sind. Die Alte kam seltener. Ich vermisste die fauligen Beine nicht. Eines Tages kam sie nicht mehr. Leute mit ernsten Gesichtern betraten die Wohnung. Alle waren schwarz bezogen. Das ist auch etwas, worüber sich ein Möbel nur wundern kann. Manche von uns tragen einen Bezug, eine Art Kleidung. Ein Sessel zum Beispiel trägt seine Kleidung sehr lange. Manche ihr ganzes Sesselleben lang. Die Leute wechseln ihren Bezug jeden Tag. Naja, ich hatte schon lange die Lust verloren, mir über derartiges Gedanken zu machen. Kleinformatige Menschen fanden sich auch unter den Leuten. Sie trugen weder schwarz redeten sie leise. Heute weis ich, das es Kinder gewesen sind. Ihre Oberfläche schimmerte sanft und sie rochen sauber und gut.

Inkarnation 4

Ich träumte davon, eines Tages in die Wohnung der Kinder oder Enkelkinder zu ziehen, um diesen als altehrwürdiges Möbelstück zu dienen. Schau, hörte ich sie sagen, das stand schon bei den Großeltern.
Die vielen Kleidungsstücke, die immer wieder auf mir abgeladen wurden, so dass man kaum etwas von meinem Holz sah, ertrug ich klaglos. Ich war ein robustes, nützliches Möbel. Auch wenn ich nach wie vor nicht wusste, was eigentlich genau. Die innere Verbundenheit mit dem Schrank und die Kleidungsstücke, die zu tragen meine Aufgabe war, ließen in mir den Gedanken reifen, ich könne ebenfalls ein Kleiderschrank sein.
„Bin ich auch ein Kleiderschrank?“
Er sah mich an, wie man ein unverständiges Kind ansieht: „Dazu bist du viel zu klein“, sagte er und hüllte sich in ein langes Schweigen.
Ich vermag nicht zu sagen, wie lange wir so nebeneinander her lebten. Zeit ist für ein Möbel keine große Sache. Solange man uns auf unserem Platz lässt, eine Aufgabe zuteilt und immer wieder etwas Pflege angedeihen lässt, spielt Zeit kaum eine Rolle. Wir sehen zu, wie das Leben der Leute an uns vorüberzieht und bleiben stumme Zeugen des Daseins an sich.
Eines Tages räumte die Frau, in deren Gesicht sich inzwischen feine Linien eingegraben hatten, alle die liegen gelassenen Kleidungsstücke von mir herunter. Sie reinigte und pflegte mich wie in alten Tagen. Zwei Männer kamen; zwischen ihnen schwebte ich durch einen lauen Sommerabend. Natürlich hatte es niemand für nötig gehalten, mir zu erklären, was hier vor sich ging. Mit Möbeln reden die Leute nicht. Und wenn doch, nennt man sie sonderlich. Ich knarrte ein wenig vor mich hin, um meinem Protest Ausdruck zu verleihen. So also wanderte ich in ein fremdes Haus zu fremden Leuten. Ich schenkte ihnen zunächst keine Beachtung, blieb einfach stocksteif in meiner Ecke stehen. Dort wartete ich auf die Männer. Ich dachte an meinen stummen Freund, den alten Schrank. Ein schmerzliches Ziehen verbog beinahe meine polierte Platte. Er war so vertraut gewesen. Sein Duft nach altem Holz fehlte mir. Niemand kam. Niemand sah nach mir, niemand stellte mich der neuen Wohnung und den neuen Leuten vor. Man stellte mich in einem Wohnzimmer ab, vor einen schmutziggelben, verschlissenen Sessel, der merkwürdig roch. Ich mochte ihn nicht. Jemand legte ein dickes Kissen auf meine frisch gepflegte Fläche. Ein vom Alter gebeugter Mensch mit unglaublich runzeliger Haut schlurfte von zwei jüngeren gestützt in das Zimmer. Ich bemerkte sofort den Geruch des Sessels an ihm. Dieser Geruch bereitete mir Sorgen über die vor kurzem von Kleidung befreite Oberfläche. Er erinnerte an Moder, der Feind eines jeden Möbels.
Ob das von den Beinen der alten Frau kommt, fragte ich mich? Immerhin konnte sie nicht ohne Hilfe darauf stehen. Wenn sie mich fragen, klingt das sehr nach Moder! Es ist merkwürdig mir den Leuten. Wenn unsereins ungute stellen im Holz hat, wird man entweder restauriert oder entsorgt. Wenn bei den Leuten etwas fault, wird der Rest so lange aufbewahrt, bis der ganze Mensch sich komplett der Verwesung hingibt. Dann erst wird er entsorgt.