Anna

„Schau mal Mama, ich hab eine Geschichte geschrieben!“ Stolz streckte die siebenjährige Anna ihrer geliebten Mama ihre erste selbstgeschriebene Geschichte hin. Die Kinderschrift war ungelenk, das Papier im Eifer des Gefechtes leicht zerknittert. Zwei ganze Seiten hatte die kleine geschrieben. Ihre Mutter las mit gerunzelter Stirn.


Variante 1
„Die Geschichte ist ganz schlecht.“ Ohne weitere Worte gab sie Anna das so mühsam beschriftete Blatt zurück. Anna sank in sich zusammen. Nie wieder, so schwor sie sich, würde sie eine Geschichte schreiben.
Nie wieder dauerte immerhin einige Jahre an. Dann schrieb Anna wieder. Aber nie wieder gab sie ihrer Mutter eine einzige Zeile davon.

Variante 2
„Ganz ok.“ Mit einem zaghaften Lächeln gab sie Anna das Blatt zurück. Anna war traurig. Sie hatte auf mehr als „ganz ok“ gehofft. Es dauerte eine Weile, bis sie sich an ihre nächste Geschichte wagte, obwohl doch so viele davon in ihrem Kopf herumschwirrten.

Variante 3
Beim Lesen huschte ein warmes Lächeln über das Gesicht der Mutter. Die Geschichte strotzte nur so von Rechtschreibfehlern. Anna tat sich schwer damit.
„Da hast du dir aber richtig viel Mühe gegeben. Wenn du magst können wir zusammen die Schreibfehler korrigieren.“ Eigentlich hasste Anna die Schreibübungen. Aber das war immerhin ihre eigene Geschichte. Nach einer halben Stunde waren die Fehler korrigiert und Anna schrieb die ganzen zwei Seiten noch einmal ab. Mama war stolz auf ihr kleines Mädchen. Von nun an war das an fast jedem Tag ihre gemeinsame Übung. Anna schrieb eine Geschichte. Mama korrigierte die Fehler und Anna korrigierte sie. Bis die Fehler immer weniger, und die Geschichten immer bunter wurden.

Variante 4
„Du bist ja eine richtige kleine Autorin!“
„Was ist eine Autorin?“
„Das ist eine Frau, die Geschichten schreibt. Bücher und so.“ Anna hatte ein mulmiges Gefühl. Die Geschichte zu schreiben hatte ihr Spaß gemacht, aber gleich ein ganzes Buch? Ob sie so viele Geschichten erfinden konnte? Mama bemerkte das besorgte Gesicht ihres Kindes und musste lachen.
„Keine Sorge, Anna, du musst keine Bücher schreiben. Aber schreib ruhig weiter Geschichten, wenn du magst. Ich lese sie gerne. Und vielleicht hast du eines Tages ein ganzes Buch davon.“ Anna war erleichtert.
Sie schrieb weiter. Nicht unbedingt jeden Tag. Aber fast in jeder Woche fiel ihr eine neue Geschichte ein. Mama las sie alle und freute sich über die Fantasie der Kleinen.
An Annas zehntem Geburtstag wartete eine ganz besondere Überraschung auf sie. Auf ihrem Geburtstagstisch lag ein Buch mit dem Titel: „Annas Geschichten“
Mama hatte sie gesammelt, abgetippt und zu einem Buch verarbeiten lassen.
„Siehst du Anna, jetzt bist du eine Autorin!“

Variante 5
Mama las die Geschichte einmal, las sie ein zweites und ein drittes Mal. Dann traten ihr Tränen in die Augen. Schluchzend umarmte sie das Kind. Anna wusste nicht, was sie davon halten sollte. Sie hatte Mama doch nur eine Freude machen wollen. Warum weinte sie nun so sehr. Unbeholfen strich sie der Mutter mit der kleinen Hand durchs Haar.
„Ist die Geschichte so schlimm?“ , fragte sie mit leiser Stimmen, nun selbst den Tränen nahe.
„Schlimm?“, schluchzte die Mutter. „Im Gegenteil, sie ist fantastisch! Du bist si talentiert. Du bist ein Genie, Anna.“ Anna wusste nicht, was ein Genie ist, wagte aber nicht zu fragen.
„Warum weinst du dann?“ Anna blickte ihre Mutter ratlos an.
„Weil ich mich so freue, weil ich so sehr stolz auf dich bin.“ Anna wusste, dass sie sich nun eigentlich auch freuen sollte, und gab sich redlich Mühe mit der Freude. Aber irgendwie war da ein mulmiges Gefühl in ihr, ohne dass sie hätte sagen können, warum.
Am nächsten Tag als Anna von der Schule kam, erwartete sie eine Überraschung. Mama hatte ihr einen eigenen Laptop gekauft. Der stand nun auf ihrem kleinen Schreibtisch, nahm viel zu viel Platz ei und wirkte irgendwie falsch zwischen all den Buntstiften und zusammengeschobenen Kinderzeichnungen. Anna besah sich die Katastrophe und blickte fragend zu ihrer Mutter hoch. Auch das unangenehme Gefühl in ihrem Bauch war mit einem Schlag zurück. Gleichzeitig fühlte sie deutlich die Verpflichtung, sich sofort zu freuen. Welches siebenjährige Kind hatte einen eigenen Laptop? Nur Kai aus ihrer Klasse hatte einen. Mit ganz tollen Spielen drauf. In Anna keimte eine leise Hoffnung auf.
„Sind da Spiele drauf? So wie bei Kai?“ Mutter winkte ab und die Hoffnung versank in einem tiefen Loch.
„Der ist doch nicht zum Spielen! Da ist ein Schreibprogramm für Autoren drauf!“
„Hä?“
„Für deine Geschichten natürlich!“ Anna sah den kleinen Kasten ratlos an. Sie hatte eine einzige Geschichte geschrieben und dafür schien ihr Papier und Bleistift gut genug gewesen.
„Aber ich kann doch gar nicht mit dem Lapptopp schreiben.“ Mutter winkte ab.
„Das lernst du ganz schnell.“ Dann sah sie Anna wieder mit Tränen in den Augen an und seufzte: „Mein kleines Genie!“
Von da an musste Anna jeden Tag mit ihrer Mutter das Schreiben auf der Tastatur üben und lernen, wie man das Schreibprogramm bediente. Es war ein professionelles, extra für Autoren. Also gerade gut genug für Anna, zumindest nach Meinung ihrer Mutter. Nachdem Anna begriffen hatte, wie es funktioniert, musste sie ihre Geschichte abschreiben. Die Schreibfehler korrigierte ihre Mutter. Für Hausaufgaben blieb natürlich keine Zeit. Nach zwei Wochen wurde Annas Mutter dann auch in die Schule bestellt.
„Guten Tag Frau Müller, schön, dass sie sich Zeit genommen haben. Ich muss ihnen leider sagen, dass Anna seit zwei Wochen keine Hausaufgaben gemacht hat. Außerdem scheint sie im Unterricht abwesend, macht kaum noch mit.“
Annas Mutter setzte ein überlegenes Lächeln auf.
„Anna hat besseres zu tun. Sie ist ein Genie, wie sie sicher schon bemerkt haben.“ Die Lehrerin sah Frau Müller verblüfft an.
„Nun, wir haben Anna bislang als intelligentes Kind mit viel Fantasie erlebt…“
„Sehen sie,“ ereiferte sich Annas Mutter. „Wussten sie dass Anna schreibt? Ihre Geschichten sind so wundervoll, so reif und intelligent geschrieben…“ Die Lehrerin runzelte die Stirn.
„Wie viele Geschichten hat sie denn geschrieben?“
„Bislang erst eine. Aber in den letzten beiden Wochen hat sie sich in einSchreibprogramm eingearbeitet. Daher kam sie eben nicht zu den Hausaufgaben. Eine Jungautorin wie Anna braucht einfach ihre Freiheiten.“
Alle Einwände der Lehrerin stießen auf taube Ohren und Annas Mutter rauschte in dem Bewusstsein davon, das kindliche Genies eben oft unverstanden bleiben. Nur gut, dass Anna sie hatte.
Zuhause wurde die fertige Geschichte dann auch gleich an diverse Verlage geschickt und Anna vor den Laptop gesetzt, damit sie neue Geschichten schreiben konnte. Als ihr nichts einfiel, machte Mama kurzerhand Vorgaben. Anna saß nun stundenlang vor der Tastatur und zerbrach sich den Kopf, was um aller Welt sie schreiben sollte. Wo waren nur all die Geschichten geblieben, die bislang in ihrem Kopf gewesen sind? Anna schrieb nichts mehr. Keine einzige Geschichte. Nach weiteren zwei Wochen ohne Hausaufgaben räumte Mutter den Rechner wortlos weg, ohne Anna auch nur eines einzigen Blickes zu würdigen. Anna beschloss. Nie wieder zu schreiben.
Nie wieder dauerte ein paar Jahre, dann schrieb Anna wieder. Alle Geschichten verbarg sie sorgsam, so dass Mama keine einzige davon zu lesen bekam.

Liebe Mutter 1

Liebe Mutter,
ich habe lange mit mir gerungen, Dir diesen Brief zu schreiben. Vor allem, weil er nichts ändern wird. Nicht zwischen uns, nicht die Vergangenheit und nicht die Zukunft. Die Vergangenheit kann niemand ändern. Gegenwart und Zukunft, jeder in einem gewissen Rahmen, für sich selbst.
Zwischen uns wird er nichts ändern können, weil du ihn vermutlich nicht lesen wirst. Vielleicht beginnst Du zu lesen bis Du bemerkst, dass er von mir ist. Wirst Du ihn zerreißen? Zerknüllen? Einfach zur Seite legen? Oder wird Margret, Deine Freundin, ihn lesen? Ich stelle mir vor, wie Sie dir von der Lektüre abraten wird. Sie ist sehr um deinen ruhigen Schlaf besorgt.
Ich habe keine Ahnung, was das Schicksal dieses Briefes sein wird, so wie man nicht wissen kann, welches Leben ein neugeborenes Kind führen wird. Man bringt sie zur Welt, versorgt sie, so gut man eben kann, lässt die los und hofft das Beste. Bei meinen Kindern habe ich es jedenfalls so gehalten. Ich wusste, dass sie sicherlich keine Könige werden, das lag nicht in ihren Möglichkeiten, als ich sie zur Lebenspost getragen habe. Immerhin bin ich mit den Resultaten sehr zufrieden.
Nun erledige ich meinen Teil für das Leben dieser Zeilen: Ich schreibe sie nieder. Im Augenblick, so lange ich daran schreibe, so lange ich sie zu keiner Post gebracht habe, gehören sie alleine mir, so wie ein Fötus, im Uterus seiner Mutter geborgen, ihr alleine gehört. Der Uterus ist diesmal mein Laptop. Ein Uterus aus Elektroden, feinsten Verbindungen und einem Bildschirm, auf dem ich die Entwicklung dieses Babys beobachten kann. Wenn ich ihn aber über den Drucker zur Welt bringe, ihn gehen lasse, dann entscheiden andere. Vielleicht geht er einfach unter, so wie tausende von Briefen, die nie gelesen werden. A zu tu. Für mich warst Du nur ein Opfer, so wie ich. Zum Teil stimmt das. Du warst auch sein Opfer.
Erinnerst Du Dich an den Tag, an dem ich zusammengebrochen war und dir alles, was mir zugestoßen ist, erzählt habe? Ich war 22, zu Hause ausgezogen und viel zu früh verheiratet. Was tut man nicht um zu Hause raus zu kommen und dabei den Schein zu wahren. Alles für Mama. Mama soll nicht leiden.
Bis zu dem Tag war ich davon überzeugt, dass Du dieses Schwein sofort verlassen würdest, wüsstest Du, was er mir angetan hat. Ich hatte von Müttern gelesen, die Töchter im Stich ließen, zum Täter hielten. Aber meine Mutter war anders. Das war für mich so sicher wie der Boden unter meinen Füßen. Und dann kam dieser Zusammenbruch bei einer Sendung über eine missbrauchte junge Frau. Andi, mein Mann hatte Dich in seiner Not angerufen. Er wusste ja bis zu dem Moment auch von nichts. Ich hatte geschwiegen, wollte schweigen, wollte das dünne Eis meiner kleinen heilen Welt nicht in Gefahr bringen.
Und dann, Mama, geschah das Unvorstellbare:
„Ein oder zwei mal (Vergewaltigungen waren gemeint) kann ich mir vorstellen, aber doch nicht so oft. Du übertreibst. Du hast immer übertrieben. Außerdem ist er gar nicht dein Vater.“ Die Worte sind damals im weißen Rauschen eines unendlichen Schmerzes untergegangen. Aber sie trommeln wieder und wieder durch meinen Kopf. Nur ein oder zweimal … er ist nicht dein Vater ….
Wäre ein oder zweimal okay gewesen? Wofür? Weil er nicht mein Vater ist und mich dennoch ernährt hat? Eine Art Bezahlung, weil er Dich, eine schwangere Frau geheiratet hatte, ohne der Kindsvater zu sein? Einen Preis, den ich zu entrichten hatte. Ein Satz von ihm: „Ich hatte gehofft, dass Du ein Mädchen wirst“, bekam plötzlich eine schreckliche, eine grausame Bedeutung. Aber das ist mir erst viel später wieder eingefallen. Lass uns bei diesem Abend bleiben.
Dann hast Du mir erklärt, dass Du ihn nicht verlassen kannst.
„Dann würde ich das Haus verlieren.“ Hey, das war so ziemlich das Gegenteil meiner Überzeugungen. Heute glaube ich, dass mit dem Boden unter meinen Füßen auch unsere Beziehung in exakt diesem Moment die ersten Risse bekam. Oder war es nur meine Vorstellung unsere Beziehung? Ich denke, es war das erste Mal, dass sich mir die Einseitigkeit zwischen uns zum ersten Mal gezeigt hatte. Ich habe allerdings noch Jahre gebraucht, um mir selbst einzuräumen, was ich doch mein ganzes Leben lang gespürt hatte:
Ich war Dein Mädchen, Dein geliebtes Kind, so lange ich dein Selbstbild nicht in Gefahr gebracht habe.

Autismus-Deutsch 1

Ich bin Autistin

Mit dieser Reihe will ich euch aus meinem Alltag als Asperger Autistin erzählen.
Wer mich kennt und von meiner Diagnose erfährt, sieht mich in der Regel erst einmal ungläubig an.
„Du? Autistin? Kann ich mir gar nicht vorstellen.“ Richtig toll finde ich im Übrigen Bemerkungen wie: „Also, ich kenne da einen richtigen Autisten….“
Ich bin dann oft so perplex, dass ich ganz vergesse zu fragen, was genau ein ‚richtiger‘ Autist ist und, ob ich nun eine falsche Autistin bin. Ich habe dann das Gefühl, meine Diagnose verteidigen zu müssen.
Warum sie mir wichtig ist? Ich habe dadurch gelernt, warum ich mich so falsch in der Welt fühle. Seit ich weiß, dass ich eben kein ‚neurotypischer‘ Mensch bin, beginne ich zu lernen, wie die anderen, die ‚normalen‘, die Nicht-Autisten ticken. Ich beginne zu verstehen, warum die etliches können, was ich eben nicht kann. Ich lerne, meine Grenzen besser einzuschätzen, und schäme mich nicht mehr, wenn ich zum Beispiel nach einem Tag mit vielen Menschen total erledigt bin und mich irgendwann zurückziehen muss. Früher haben ich versucht, mit den anderen mitzuhalten. Es war mir unverständlich, dass nur ich so müde bin, keine Partys mag und Diskotheken hasse. Die anderen konnten das doch auch, fanden das toll. Warum also ich nicht? Inzwischen habe ich verstanden, dass derartige Dinge für Nicht-Autisten kaum anstrengend sind, dass diese nur einen Bruchteil der Energie dafür aufbringen, die es mich selbst kostet. Also bin ich erledigt und andere eben nicht. Das ist in etwa so, als würde ein Einbeiniger an einem Wettrennen teilnehmen, dabei genauso schnell sein will, wie seine zweibeinigen Freunde und sich wundert, warum das nicht klappt. Ich brauche meine Diagnose, um die Unterschiede zwischen mir und den meisten anderen zu begreifen, um mein Gegenüber besser zu verstehen und um mich selbst besser zu verstehen. Ich kann richtig sauer werden, wenn Leute, die das Thema ‚Autismus‘ in erster Linie aus Filmen wie: ‚Rain Man‘ kennen mich besser einschätzen wollen wie ich selbst und meine Therapeuten.
Gut, ich zeige selten dieses berühmte autistische Wippen. Dafür bin ich so gut wie nie ohne meine Stricksachen anzutreffen. Das geht so weit, dass ich schon panisch in den nächstbesten Handarbeitsladen gerannt bin, nur um Wolle und Nadeln zu besorgen, weil ich meine Stricktasche zu Hause hatte stehen lassen. Ich nenne das: ‚autistisches Stricken‘. Ersetzt das Wippen meistens ziemlich gut. Außer der Stress nimmt überhand.
Gestresst bin ich zum Beispiel, weil ich die Wohnung verlasse und mich unter Menschen begebe. Versteht mich nicht falsch. Ich mag Menschen. Aber eben am liebsten in homöopathischer Dosis. Alleine mit meiner Freundin Ulla und den Hunden spazieren zu gehen, über wichtige Dinge redend oder auch stumm. Das ist meine Vorstellung einer gelungener sozialer Interaktion. Ab drei Menschen zählt das für mich als Massenveranstaltung und die mag ich nicht. Auf keinen Fall ohne meine Stricksachen, hinter denen ich mich verkriechen kann. Wenn ich stricke, habe ich schon einmal nicht das Gefühl, etwas zur Unterhaltung beitragen zu müssen und kann mich etwas entspannen. Was mich allerdings nicht daran hindert, alle Gespräche exakt mit zu bekommen und bei den unpassendsten Gelegenheiten in die Unterhaltung zu grätschen, weil mir eben gerade etwas zum Thema einfällt. Ja ja, die Impuslkontrolle. Nicht gerade meine Stärke.

Älter werden ist ein Abendteuer

Würde ein Spiegel es mir nicht längt verraten haben, spätestens seit dem Arztbesuch heute Morgen könnte ich es nicht mehr ignorieren: Ich werde älter!
Die Leber hat sich der Tallie angepasst; sie ist fett geworden. Der Blutzucker ist leicht erhöht, die Fette sowieso. In der Galle spielen etliche Steinchen: „Wer schafft es als erster eine schöne Kollik zu basten“? Und in die Schilddrüse hat jemand einen Knoten gemacht. Idiot, Knoten gehören ins Taschentuch! Die Schulter ist schon länger etwas entzündet.
Aber sonst ist, abgesehen von den grauen Haaren, etlichen Falten und der Speck am einst flachen Bauch alles in bester Ordnung.
Gegen den Bauchspeck und die nicht ganz so schicken Blutwerten arbeite ich seit Januar. Meine bessere Hälfte und ich versuchen es mit Intervallfasten. Bislang habe ich dabei fast ein Kilo abgenommen. Seit Januar! Soviel zum Thema: Abnehmen ohne zu Hungern. Ich habe es bewusst beim Intervallfasten belassen, ohne meine Ernährung weiter umzustellen. Heute wurde Blut abgenommen. Also werde ich morgen wissen, was es für die Blutwerte gebracht hatte. Ich betrachte das als einen nicht ganz kontrollierten Selbstversuch. Blöd nur, dass mein Sohn gestern Geburtstag hatte. Es gab die coronagerechte Onlineparty und wir haben es uns nicht nehmen lassen, mit ein oder zwei Gläser Wein auf das Wohl meines Erstgeborenen anzustoßen. Schlecht für die Leber, dumm, für die Triclyceride. Aber was tut man nicht alles für das Wohl der eigenen Sprösslinge!

Aber nun? Was tun?

„Hohe Triglyzeridwerte können wirkungsvoll durch eine Einschränkung des Alkoholkonsums und des Verzehrs von zuckerhaltigen Lebensmitteln gesenkt werden. Übrigens: Sinkt nach einer Ernährungsumstellung der Triglyzeridspiegel, wird auch das Gesamtcholesterin niedriger und das Verhältnis von HDL zu LDL verbessert sich. HDL-Cholesterin lässt sich darüber hinaus auch durch vermehrte körperliche Aktivität erhöhen.“
Cholesterin & Ernährung – Gesundes Essen ist wichtig – http://www.cholesterinspiegel.de

Das bisschen Alkohol kann es nicht sein. Aber die Süßigkeiten …. Unter Umständen reicht es eben doch nicht, für 16h am Tag auf Essen zu verzichten. Ehe ich eine schwerwiegende Entscheidung treffe, die mir in spätestens fünf Minuten leit tut, warte ich die Blutwerte ab. Bewegung ist ohne mein geliebtes (gelogen!) Fitnesscenter nicht gerade einfach. Also, abwarten und Tee trinken statt Rotwein. Obwohl der gesund sein soll, hab ich mal gelesen.

Was mache ich mit den Gallensteinen? Das Internet weis Rat:

Anleitung: Täglich ist Folgendes einzunehmen:

Mariendistelkapseln mit etwa 450 mg Silymarin
2 Kapseln Pfefferminzöl dreimal täglich zu den Mahlzeiten
3 Tassen Kaffee pro Tag
1500 – 2000 mg Vitamin C
Gallensteine auflösen: Hausmittel gegen Gallensteine – HausmittelHexe

Klingt nicht ganz so schlimm, wird ausprobiert. Tja, und die Schilddrüse ….. das müssen wir uns einmal näher anschauen.

Aber sonst ist älter werden gar nicht so schlimm. Wenn ich mich mit meinem jüngeren ich unterhalte, kommt mein heutiges ich gar nicht so schlecht weg. (Wie jetzt? Sie reden nicht mit sich selbst? Sollten Sie unbedingt ausprobieren. Jeder braucht einen guten Gesprächspartner!)

Mein früheres Ich, am Morgen vor dem Spiegel: Meine Nase ist zu groß, der Mund zu schmal. Mit etwa ein bis zwei Kilo Schminge wird es gehen. Der Busen ist zu klein, der Hintern zu flach. Ich nehme den PushUp Bh und hoffe, dass es keiner merkt.

<p value="<amp-fit-text layout="fixed-height" min-font-size="6" max-font-size="72" height="80">Mein heutiges Ich am Morgen vor dem Spiegel: Hey, für Mitte fünfzig alles super. Bisschen Make-up? Mal sehen, ob ich da Lust zu habe. Tallienbetonte Kleidung kann ich weglassen. Keine Tallie mehr zu sehen. Dafür habe ich Titten und Arsch bekommen. Passt schon so.Mein heutiges Ich am Morgen vor dem Spiegel: Hey, für Mitte fünfzig alles super. Bisschen Make-up? Mal sehen, ob ich da Lust zu habe. Tallienbetonte Kleidung kann ich weglassen. Keine Tallie mehr zu sehen. Dafür habe ich Titten und Arsch bekommen. Passt schon so.

Aber nun? Was tun?

„Hohe Triglyzeridwerte können wirkungsvoll durch eine Einschränkung des Alkoholkonsums und des Verzehrs von zuckerhaltigen Lebensmitteln gesenkt werden. Übrigens: Sinkt nach einer Ernährungsumstellung der Triglyzeridspiegel, wird auch das Gesamtcholesterin niedriger und das Verhältnis von HDL zu LDL verbessert sich. HDL-Cholesterin lässt sich darüber hinaus auch durch vermehrte körperliche Aktivität erhöhen.“
Cholesterin & Ernährung – Gesundes Essen ist wichtig – http://www.cholesterinspiegel.de

Das bisschen Alkohol kann es nicht sein. Aber die Süßigkeiten …. Unter Umständen reicht es eben doch nicht, für 16h am Tag auf Essen zu verzichten. Ehe ich eine schwerwiegende Entscheidung treffe, die mir in spätestens fünf Minuten leit tut, warte ich die Blutwerte ab. Bewegung ist ohne mein geliebtes (gelogen!) Fitnesscenter nicht gerade einfach. Also, abwarten und Tee trinken statt Rotwein. Obwohl der gesund sein soll, hab ich mal gelesen.

Was mache ich mit den Gallensteinen? Das Internet weis Rat:

Anleitung: Täglich ist Folgendes einzunehmen:

Mariendistelkapseln mit etwa 450 mg Silymarin
2 Kapseln Pfefferminzöl dreimal täglich zu den Mahlzeiten
3 Tassen Kaffee pro Tag
1500 – 2000 mg Vitamin C
Gallensteine auflösen: Hausmittel gegen Gallensteine – HausmittelHexe

Klingt nicht ganz so schlimm, wird ausprobiert. Tja, und die Schilddrüse ….. das müssen wir uns einmal näher anschauen.

Aber sonst ist älter werden gar nicht so schlimm. Wenn ich mich mit meinem jüngeren ich unterhalte, kommt mein heutiges ich gar nicht so schlecht weg. (Wie jetzt? Sie reden nicht mit sich selbst? Sollten Sie unbedingt ausprobieren. Jeder braucht einen guten Gesprächspartner!)

Mein früheres Ich, am Morgen vor dem Spiegel: Meine Nase ist zu groß, der Mund zu schmal. Mit etwa ein bis zwei Kilo Schminge wird es gehen. Der Busen ist zu klein, der Hintern zu flach. Ich nehme den PushUp Bh und hoffe, dass es keiner merkt.

Mein heutiges Ich am Morgen vor dem Spiegel: Hey, für Mitte fünfzig alles super. Bisschen Make-up? Mal sehen, ob ich da Lust zu habe. Tallienbetonte Kleidung kann ich weglassen. Keine Tallie mehr zu sehen. Dafür habe ich Titten und Arsch bekommen. Passt schon so.

Puddingwelt

Ich lebe in verschiedenen Welten. In wie vielen genau weis ich nicht, ich habe sie bislang nicht gezählt. Eine davon ist die Puddingwelt. Ich in ihr kürzlich erst entkommen. Ich mag die Puddingwelt nicht, ich versuche sie zu umgehen. Wenn ich in ihr gelandet bin, versuche ich, so schnell es mir möglich ist, zu entkommen. Das das nicht funktioniert, liegt in der Natur der Sache. Die Puddingwelt ist schwerfällig. Hier geht nichts schnell. Erst recht nicht das Entkommen. Die Luft in der Puddingwelt ist nicht wie sonst wo. Sie ist dick. Und das meine nicht in dem Sinne, den man sich in anderen Welten unter „dicker Luft“ vorstellt. Hier ist das wörtlich zu nehmen. Man kann die Luft atmen wie überall und sie ist wie üblich unsichtbar. Nach Pudding egal welcher Geschmacksrichtung schmeckt sie auch nicht, leider. Man bemerkt den Unterschied erst, wenn man versucht sich in ihr zu bewegen. Warum das so ist, habe ich bislang nicht herausgefunden. Unter Umständen handelt es sich um ein temporär verstärktes Gravitationsfeld, das sich merkwürdigerweise direkt unter mir befindet und das andere Leute daher gar nicht bemerken können. Darüber werde ich sorgfältig nachdenken. Bis ich zu einem vernünftigen Ergebnis komme, nenne ich sie eben weiter die Puddingwelt. Ich nenne sie so, weil jede Bewegung darin so schwer ist, als bewegte man sich durch einen mehr oder weniger dicken Pudding hindurch. Das ist so ähnlich, wie im Wasser zulaufen, nur zäher. Jede einzelne Bewegung kostet Kraft. Leider ohne Trainingseffekt. Ich merke es umgehend nach dem Aufstehen. Sobald ich versuche aufs Klo zu gehen, ist dieser Pudding da. Dann lege ich mich wieder hin und warte bis die Blase unwiderruflich voll ist, denn der Gang aufs Klo ist weit und beschwerlich. Wenn ich endlich gehe, nehme ich sicherheitshalber das Handtuch mit. Nur für den Fall, dass die Kraft gleich zum Duschen reicht. Zurücklaufen und Handtuch holen geht auf keinen Fall, es ist zu weit. Aber wenn das Handtuch schon mal da ist, könnte es klappen. Auf dem Klo angekommen bleibe ich erst einmal eine Weile sitzen. Für alle Fälle und zur Erholung. Ich kann in Ruhe in mich hineinfühlen, ob ich es eventuell schaffen könnte zu duschen. In einem langen inneren Dialog erörtere ich mit mir selbst das pro und contra des sofortigen Duschens. Gelegentlich, nicht immer, eher selten, kann ich mich dazu überreden. Aber danach muss ich zurück ins Bett. Klo und duschen sind in der Puddingwelt ein halbes Tagwerk. Das versteht jeder, der schon einmal dort war. Im Bett warte ich in Ruhe bis Hunger und Durst die dringende Aufnahme lebensnotwendiger Substanzen signalisieren. Es ist nicht so, das in der Puddingwelt das Essen nicht schmecken würde; es bringt einem nur keiner etwas ans Bett. Ich muss da also über kurz oder lang weder raus. Mit ein wenig Glück habe ich irgendwelche Schokoriegel im Haus. Der stillt vorübergehend den Hunger. Kaffee ist flott zubereitet, vor allem wenn Instantkaffee im Haus ist. Kochen ist aussichtslos, zu anstrengend. Bestenfalls schaffe ich es mir ein paar Brote zu schmieren mit dem, was der Kühlschrank hergibt. Und dann ist der nächste innerer Disput auszutragen. Utensilien der Nahrungszubereitung gleich wegräumen oder erst einmal hinlegen. Ich entscheide nach Tagesform und nach der Dichte des Puddings. Egal wie es ausgeht, ich muss es mitsamt Proviant wieder ins Bett schaffen. Am Tisch sitzen kommt nicht in Frage, viel zu anstrengend! Liegend oder wenigstens in halbwegs liegender Lage geht es. Versteht kein Mensch, aber mein Kater, der begreift das und leistet mir Gesellschaft. Ich habe den Eindruck dass ich mich in seine Augen wenigstens an den Puddingtagen halbwegs artgerecht verhalte. Aufs Klo gehen, essen, weiterschlafen. Wir zwei sind uns einig. Das hilft enorm die Puddingtage zu ertragen. Für die Leute, die diese Welt nie kennengelernt haben, klingt das nach einer gemütlichen Zeit; das ist mir schmerzlich bewusst. Und doch irren sie sich. Aber das können die Leute nicht wissen. Der Pudding ist nur in meiner eigenen Welt vorhanden, nicht in der Welt der Leute. Wir befinden uns in Paralellwelten, die Leute und ich. Wir können uns sehen, aber nicht miteinander reden im Sinne des Austauschens von Banalitäten. Aber für die Leute scheint die Luft die gewohnte Viskosität zu besitzen. Wie also können sie meine Not begreifen. Früher hat mich so viel Unverstand geärgert. Heute bin ich milder, weil älter. Ich verzeihe den Leuten. Sie können nichts dafür, dass ihre Luft nicht aus Pudding besteht. Wenn ich mich nach der notwendigen Nahrungsaufnahme erholt habe, was dauern kann, quäle ich mich erneut aus dem Bett. Ich finde mich in diese Momenten sehr tapfer; das räume ich ein. Ich wühle mich langsam durch den Pudding und versuche zu entscheiden, welche Aufgaben am dringlichsten zu erledigen sind. Auch das kann dauern, denn alles muss sorgsam abgewogen sein. Schließlich genügt es nicht die dringendsten Arbeiten anzupacken, nein, es müssen die allerdringensten sein. Für mehr reicht die Energie definitiv nicht. Puddingwelt ist tückisch müssen sie wissen. Man weis nie genau ob und wann die Luft unversehens noch dicker wird. Sie kann beim Arbeiten eine fast normale Konsistenz annehmen, um unversehens nahezu undurchdringlich zu werden. Dann bleibt einem nichts anderes übrig als alle Stehen und Liegen zu lassen und sich mühsam zurück ins Bett zu quälen. Auch gerade begonnene Arbeiten bilden da keine Ausnahmen, sie müssen liegen bleiben. Es widerstrebt mir, aber ich kann es nicht ändern. Ich schlafe in der Regel gleich ein und hoffe, nicht so schnell wieder aufs Klo zu müssen. Ich mag diese Welt nicht. Sie ist mir zu anstrengend. Aber ich habe gelernt, die Welt zu nehmen, wie sie nun einmal ist. Ich wünschte nur, die Puddingluft wäre etwas schmackhafter. Sie sollte nach Vanille schmecken. Oder nach Himbeeren. Oder nach Himbeeren mit Vanille. Tut sie aber nicht. Leider…

Eine merkwürdige Welt

Statt zu Oma, kam ich in den Kindergarten. Wer sich nicht vorzustellen vermag, dass ein Kind inmitten von Deutschland einen Kulturschock erleiden kann, irrt gewaltig.
Ich kam an, gab der Tante die Hand, knickste und wurde ausgelacht. Toller Einstand. Es war Sommer und warm. Alle Kinder spielten draußen. Ich nahm den Garten in Augenschein, und da waren sie auch alle: Die Gassenkinder, mit denen ich laut Oma nicht spielen sollte. Saßen mitten im Sandkasten, schaufelten ohne Grund Sand in kleine bunte Eimer, oder in noch kleinere Förmchen, um selbige auf den Rand des der quadratischen Kiste zu stürzen und als „Kuchen“ zu bezeichnen. Der Sinn der Prozedur blieb mir verborgen.
„Spiel schön mit den anderen Kindern,“ sagte die Tante. Das war eine dieser Bitten von Erwachsenen, denen unbedingt Folge zu leisten war. Das wusste ich. Dummerweise widersprach diese Anordnung derjenigen von Oma. Nicht schmutzig machen, nicht mit Gassenkindern spielen. Ich war ratlos. Um der Sache erst einmal aus dem Weg zu gehen, sah ich mich weiter um. Ein Planschbecken erweckte meine Aufmerksamkeit. Die Kinder schienen spaß dabei zu haben. Dass einige splitterfasernackt umher rannten, nahm ich missbilligend zur Kenntnis. Nackt herum laufen tat man nicht, das wusste ich von Oma. Ich beschloss, die Nacktfrösche zu ignorieren, und sprang beherzt, natürlich in vollem Outfit, ins frische Nass. Herrlich! Jedenfalls so lange, bis die Tante aufkreuzte. Nun hatte ich nasse Kleider an und würde mir den Tod holen, mindestens! Da erst fiel mir ein weiteres Detail auf: Badeanzüge und Badehosen. So etwas hatte ich nicht. Bald hatte ich genauso wenig an wie die besagten Nacktfrösche. So herumlaufen kam nicht in Frage. Ich verzog mich verschämt hinter einen großen Busch. Am Ende meines ersten Tages hatte ich immerhin etwas dazu gelernt: nur mit Badesachen ins Wasser springen!

Spiel nicht mit den Schmuddelkindern 2

Trigger Warnung: Gewalt gegen Kinder, Missbrauch

Alle zwei Wochen wurde ich abgeholt. Von Menschen, die mir weit weniger vertraut waren, wie Oma Hedwig, „Mama“ und „Papa“ hießen und irgendwie einen Anspruch auf meine gelegentliche Anwesenheit hatten. Mama verschaukelte mich nicht wie Oma, war aber auch nicht herzlich, spielte nicht mit mir Verstecken unter dem Küchenschrank und wirkte meistens abwesend. Papa schlug bei jeder Gelegenheit zu, nicht nur wegen nicht leer gegessenen Tellern. Da war Oma eindeutig vorhersehbarer. Schläge, zumal mit Kochlöffeln verabreicht sind auch dann schmerzhaft, wenn man Ursache und Wirkung in Verbindung bringen kann. Aber bei Oma gab es nie unvorhergesehen Prügel. Ich hatte es zum Teil in der Hand keine Keile zu kriegen.
Bei meinen Eltern lief vieles anders. War Mutter abwesend, fasste ER mich an. An Stellen, an denen ich nicht angefasst werden mochte. Über diese Sache hatte ich mich eines Tages bei Oma beklagt. Beim nächsten Elternwochenende stand ich auf einem Stuhl vor meiner Mutter.
„Die Oma hat gesagt, der Papa würde dich so komisch anfassen.“ Ich ahnte in dem Moment bereits, das ich darüber nicht hätte reden sollen, aber ich nickte und fühlte mich sehr tapfer. Mutter sah mich nur an, entließ mich und ich dachte, es wäre nun vorbei.
Von wegen! Statt Ruhe gab es eine väterliche Aufklärung. Darüber, dass ich auf keinen Fall und zu niemanden über „unser“ Geheimnis reden durfte, dass die Mama mich sonst nicht mehr lieb hätte, er ins Gefängnis und ich in ein Heim müsse. Ich hatte zwar nicht die geringste Ahnung, was ein Heim sein sollte, aber es klang nicht gut. Ich war heilfroh, nach dem Wochenende wieder bei Oma zu sein. Die Freude hielt nicht lange. Beim nächsten mal nahmen sie nicht nur mich, sondern auch die Spielzeugkiste, die immer bei Oma stand mit Hause. Es hatte keinen Sinn zu fragen. Gewöhnlich bekam ich keine Antwort.
Die Zeit bei meinen Eltern wurde lang. Viel länger als üblich. Ich tat mein Bestes, geduldig zu sein. Bis ich es nicht weiter ausgehalten habe.
„Mama, wann gehe ich wieder zu Oma?“
„Du gehst gar nicht mehr zu Oma. Sie will dich nicht mehr haben.“
Warum wollte mich Oma nicht mehr? Ich war brav gewesen. Bis auf den ein oder anderen Teller, den ich nicht hatte leer essen können. Oma hatte nichts gesagt, sich verabschiedet wie immer. Es war merkwürdig, dass Oma mich nicht mehr wollte. Noch übler war die Lehre, die ich daraus geschlossen hatte: Niemand hilft dir, und wenn du dich beklagst, wird alles nur schlimmer. An dem Tag begann ich zu schweigen.

Spiel nicht mit den Schmuddelkindern 1

Trigger Warnung: Gewalt gegen Kinder, Missbrauch

Da meine Mutter weder Zeit noch Lust zur Erziehung eines Kleinkindes verspürte, wurde ich, als eine Art Wanderpokal in der Familie herumgereicht. Musste ein Negativpokal gewesen zu sein. Wer zuletzt „hier nicht“ schrie, hatte verloren und mich an der Backe.
Dabei war ich ein braves Kind. Wie gesagt, Kinder haben Instinkt. Auch oder gerade die nicht erwünschten. Brav sein ist dann so etwas wie der Joker, mit dem wir uns den ein oder anderen Bonus erschleichen.
Ich landete in St. Ingbert, in einem schmutzig gelben Mietshaus an einer viel befahrenen Straße. Es war eines dieser Häuser, die in einer langen Reihe die Straßen säumten und deren hinteren Fenster in einen kleinen, meist schmutzigen Hof wiesen. Häuser, in denen Arbeiterfamilien auf mindestens fünf Etagen lebten, die kein Bad, dafür aber auf jeder zweiten Etage eine Toilette für die Mieter vorweisen konnten. Dort lebte meine Uroma. Ja, genau, sie haben sich nicht verlesen, die Uroma. Genauer gesagt die zweite Frau meines Uropas, die selbst nie Kinder gehabt hatte und somit Ersatzmama für eine Dreijährige wurde. Mit guten sechzig. Respekt! Wie ich später nachgerechnet hatte, war sie in der Weimarer Republik groß geworden.
Ich lernte folglich die ein oder andere Lektion, die meinen Altersgenossinnen und -genossen entgangen sein dürfte.
Erstens: „Spiel nicht mit den Gassenkindern.“ Das waren alle anderen Kinder, die unten im Hof spielten, anstatt wie ich gemeinsam mit Oma und einem dicken Sofakissen am offenen Fenster zu hängen und die Straße oder eben besagte Gassenkinder in Augenschein zu nehmen.
Da ich also folgsam im Zimmer blieb, nicht mit den Gassenkindern spielte und mich somit auch nicht schmutzig machen konnte, lernte ich, einen ganzen Tag lang weiße Strumpfhosen und schwarze Lackschuhe zu tragen. In tadellosem Zustand bis zum Abend, versteht sich. Nicht schlecht für eine Dreijährige.
Ich lernte aber auch, den hölzernen Kochlöffel zu fürchten, wenn ich meinen Teller nicht leer essen mochte. Ich war ja ein braves Kind und tat, was ich konnte, aber bei Lungenragout (solche Widerwärtigkeiten wurden früher aufgetischt) half mein allerbester Wille nicht. Soweit ich mich erinnere, habe ich es runter gewürgt, neben den Teller gekotzt und anschließend wie nicht anders zu erwarten, den Hintern versohlt bekommen. Neben dem Rest meiner Kindheit, kein Grund, sich aufzuregen. An anderen Tagen gab es Milchreis, wie ihn nur Oma Hedwig kochen konnte. Den besten, nein, den allerbesten Milchreis der Welt.
Und ich lernte, ältere Damen mit „Tante“ anzureden, die richtige Hand zu geben und einen formvollendeten Knicks hinzulegen. Diese Lektion lernte ich sogar ausgesprochen schnell. Schokolade ist ein toller Verstärker, wird heute sehr unterschätzt. Und dann habe ich natürlich gelernt, dass die Babys vom Storch aus einem fernen See gefischt und den Mamas ins Krankenhaus gebracht wurden. Dort biss das Vieh den Müttern noch schnell ins Bein, weshalb sie einige Tage das Bett hüten mussten, bevor sie mitsamt dem Nachwuchs nach Hause gehen konnten. Ich hatte versucht, mir einen Reim aus der Geschichte zu machen. Wie zum Henker transportierte der Vogel die Kinderchen, ohne sie dabei zu verletzen? Und warum bissen sie die Mütter ins Bein? Das Ganze schien mir trotz meiner jungen Jahre einigermaßen unlogisch. Andererseits hatte Oma das genau so und nicht anders erzählt. Und als die Nachbarin ein Stockwerk über uns mit einem Baby nach Hause kam, war deutlich zu sehen, dass sie komisch lief. Es musste also etwas dran sein an der Geschichte mit dem Storch und dem Bein.
Kurz nachdem die Nachbarn mit dem Baby ankamen, bemerkte ich auf dem Klo etwas Merkwürdiges: Neben der Schüssel stand ein Eimer voller blutiger Lappen. Gegenüber wohnten die Nachbarn mit dem Baby. Die Tür stand offen. Mein Blick fiel direkt auf den Küchentisch. Darauf lag der reglose Säugling, jemand stand mit dem Rücken zu mir und machte sich an dem kleinen Wesen zu schaffen. Ich stürzte so leise wie möglich die Treppen hinunter, zurück in Omas sichere Küche. Natürlich erzählte ich ihr alles. Das mit dem Baby auf dem Küchentisch und dem vielen Blut in der Toilette. Oma Hedwig war eine sehr lustige Frau. Sie meinte nur: „Tja, dann haben sie das Baby wohl aufgegessen.“
Ich war jahrzehntelang davon überzeugt, ein grausames Verbrechen beobachtet zu haben. Nachdem mein erstes Kind geboren war (frei von Belästigung durch langschnäbelige Vögel), ich die erste Wochenbinde und das viele Blut gesehen habe, fiel mir die alte Geschichte mit dem aufgegessenen Baby wieder ein. Ich schätze, Oma saß im Himmel und ließ vor Lachen die Harfe fallen.

Vertraue ihnen nicht 4

Meine Kindheit, meine Jugend bestand aus einem einzigen, verdammt lautem Schweigen. Ich habe geplappert, geplaudert und gescherzt. Aber niemals geredet. Schweigen kann man prima hinter Gerede verbergen. Das merkt kein Mensch. Das Kind ist schließlich laut, erzählt ständig etwas, hält einfach nie den Mund. Manchmal hätte ich gerne den Mund gehalten. Aber dann kam die unvermeidliche Frage: „Was hast du?“ Um das zu erklären, hätte ich reden müssen und reden konnte und durfte ich nicht. Somit blieben Beziehungen und Freundschaften an der Oberfläche kleben. Selbst die Beichte (beliebte Art der Seelenreinigung innerhalb der katholischen Bevölkerung) blieb oberflächlich. Deshalb hatte ich es irgendwann aufgegeben zu beichten, obwohl die Beziehung zum Glauben mir immer wichtig gewesen ist. Ganz ohne, dass man mich dazu erzogen gehabt hätte. Im Grunde genommen, das Ergebnis des ewigen schweigen müssen. „Der da oben“, wie immer man ihn nennen mag, war immerhin der Einzige, dem ich alles sagen konnte, der niemals urteilte und der ohnehin alles wusste. Ich hatte mir angewöhnt, mit Jesus zu reden. Der wusste, was es bedeutete, zu leiden. Ich kam gar nicht auf die Idee, meinen Kummer dem Pfarrer auf die Nase zu Binden. Beichtgeheimnis hin oder her. Außerdem hätte ich wieder einmal keine Ahnung gehabt, wie mich all das benennen sollte. Ich habe eben laut und deutlich geschwiegen.
Und nun rede ich, wenn auch leise.

Vertraue ihnen nicht 3

Namenloses Grauen ist ein gerne verwendeter Standard in Horrorgeschichten aller Arten. Mein Grauen hatte einen Namen: Ich durfte es „Papa“ nennen. Die Anrede habe ich mir inzwischen abgewöhnt. Ich möchte nicht all die guten und redlichen, die echten, wirklichen Papas verunglimpfen, indem ich meiner persönlichen Nemesis den gleichen Namen gebe. Mit der Umbenennung hat er ein Stück seiner Macht verloren. Er ist blass geworden, zum Gespenst aus früheren Tagen degradiert. Die Furcht, ihn anzusehen ist verschwunden; was ich sehe, bleibt ambivalent. Er hatte mich geliebt, irgendwie. Er konnte warmherzig sein, eine Fähigkeit, die Mutter gefehlt hatte.
Ich liebe es, die Dinge zu analysieren; das gibt mir Sicherheit. Betrachte ich die beiden Menschen, die mich erzogen haben, sehe ich zwei Unfähige, die sich die Arbeit teilten. Mutter hat meinen Körper pfleglich behandelt und meine Seele erfrieren lassen. ER hat sie immer wieder aufgetaut und meinen Körper für seine Zwecke benutzt. Schwer zu sagen, was schlimmer gewesen ist. Über das eine zu reden war verboten, das andere war nicht zu greifen. Und ich habe gelernt zu überleben, das eine zu verschwiegen, das andere zu ignorieren.
Mutter hat viel von mir verlangt: Gute Noten in der Schule, die ihr nie gut genug waren, ein aufgeräumtes Zimmer, ohne mir zu zeigen, wie das geht, und ein nettes freundliches Äußeres, was mir keine Schwierigkeiten bereitete.
Der Alte hat mich genommen, wie ich bin, nie über schlechte Noten geschimpft, das Chaos in meinem Zimmer ignoriert und Strafmilderung bei Mutter beantragt, wenn ich mir wieder einmal wochenlangen Hausarrest eingehandelt hatte. Er hatte das Zeug zum Papa. Er hatte das Zeug zum Abgott meiner Kindheit, zum Engel meiner Jugend. Und ganz tief in mir ist da ein Teil Liebe, die ich mir kaum eingestehen mag. Papa, Gott und Teufel, eine schwer zu fassende Dreieinigkeit.