Auszug „Rattendämmerung“

Verwitterte Dielen aus rauem Holz, eine Öffnung im Boden wie ein offenes Grab und Gitterstufen, die im Zwielicht halb unter die Erde führten.
Die Eisenklappe, welche den Zugang zur Carponiere gewöhnlich versperrte, war aufgestellt. Langsam stieg Margret hinab, um ihre Augen an das knappe Licht zu gewöhnen. Die Treppenstufen vibrierten unter ihren Sneakers und warfen einen metallischen Hall in das Gewölbe. Es roch nach feuchter Erde, der pilzigen Ausdünstung von Schimmel und nach Tod. Die Quergewölbe der alten Festungsanlage waren durch torgroße Öffnungen in gerader Linie miteinander verbunden. Im letzten Abschnitt hörte Margret das Rumoren der Spurensicherung. Blitzlichter einer Kamera zuckten wie ein leise klickendes Gewitter aus einer weit offenstehenden Holztür und wiesen ihr den Weg. Kalksteinschotter bedeckte den Boden und knirschte unter ihren Füßen. Schmale Schießscharten ließen unwillig das wenige Licht der Märzsonne in das Festungsgebäude. Farne und Moose krallten sich neben den Öffnungen in zerbröckelnde Steine aus Muschelkalk. Margret hatte heute keinen Blick für die marode Schönheit dieses Ortes. Sie folgte dem stärker werdenden klebrigen Geruch bis sie vor der offenen Tür des letzten Abschnittes stand. Geschäftiges Treiben, gedämpfte Gespräche, Polizisten in weißen Schutzanzügen, leises rascheln, Kameraklicken. Vertraut und aufregend. Ein neues Rätsel, das darauf wartete, von ihr gelöst zu werden. Eine der Gestalten nickte ihr zu und drückte ihr Überzieher in die Hand. Margret streifte sie mit einer routinierten Bewegung über ihre Sneaker. Dabei bemerkte sie die hinterste Wand. Sie war halbhoch, eine Verbindung ins Freie. Gleichzeitig hörte sie ein rhythmisches Klappern, das von der niedrigen Mauer kommen musste. Eine Strickleiter baumelte an Haken aus Metall ins Freie.
So also sind unsere Helden hier herein gekommen, murmelte Margret. Kopfschüttelnd wandte sie sich wieder dem Raum hinter ihr zu.

An der linken Wand lagen drei Körper nebeneinander in unterschiedlich reinliche Tücher gehüllt. Davor kniete Sven, ihr Kollege aus der Gerichtsmedizin. Er winkte sie wortlos herbei. „Kinder,“ sagte er tonlos. „Alle drei. Höchstenssieben oder acht Jahre alt.“Grelles Licht beleuchtete jedes Detail der stummen Prozession. Das Gesicht des vordersten Kindes war von der beginnenden Verwesung gezeichnet, die ursprünglichen Züge kaum zu erkennen. Aus der Öffnung, die einmal die Nase gewesen ist, kroch ein winziger Käfer um eilig über die knochige Stirn zu flüchten.
Margret trat näher an das Bündel vor ihr heran. Ein von grauen Haaren überzogenes Skelett schmiegte sich wie ein makaberes Stofftier in die Arme des Kindes. Aus der Knochenschnautze ragten gelbliche Nagezähne.

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Ich sein war nie einfach, Teil 2

Das Grauen hat einen Namen

Namenloses Grauen ist ein gerne verwendeter Standard in Horrorgeschichten aller Arten. Meines hatte einen Namen. Ich durfte es „Papa“ nennen. Die Anrede habe ich mir schon lange abgewöhnt. Er heist: „Der Alte“. Ich möchte nicht all die guten und redlichen, die echten, wirklichen Papas verunglimpfen, in dem ich meiner persönlichen Nemesis den gleichen Namen gebe. Mit der Umbenennung hat er ein Stück seiner Macht verloren. Er ist blass geworden, zum Gespenst aus früheren Tagen degradiert. Die Furcht, ihn anzusehen ist verschwunden; was ich sehe, bleibt ambivalent. Er hatte mich geliebt, irgendwie. Er konnte warmherzig sein, eine Fähigkeit, die Mutter gefehlt hatte. Ich liebe es die Dinge zu analysieren; es gibt mir Sicherheit. Betrachte ich also die beiden Menschen, die mich erzogen haben, sehe ich zwei Unfähige, die sich die Arbeit teilten. Mutter hat meinen Körper pfleglich behandelt und meine Seele erfrieren lassen. Der Alte hat versucht, sie immer wieder aufgetaut und den Körper für seine Zwecke missbraucht. Schwer zu sagen, was schlimmer gewesen ist. Über das eine zu reden war verboten, das andere war nicht zu greifen. Und ich habe dabei gelernt zu überleben, das eine verschwiegen, das andere nicht verstanden. Mutter hat viel von mir verlangt: Gute Noten in der Schule, die ihr nie gut genug waren, ein aufgeräumtes Zimmer, ohne mir zu zeigen, wie das geht und ein nettes freundliches Äußeres, was mir keine Schwierigkeiten bereitete. Der Alte hat mich genommen, wie ich bin, nie über schlechte Noten geschimpft, das Chaos in meinem Zimmer ignoriert und Strafmilderung bei Mutter beantragt, wenn ich mir wieder einmal wochenlangen Hausarrest eingehandelt hatte. Er hatte das Zeug zum Papa. Er hatte das Zeug zum Abgott meiner Kindheit, zum Engel meiner Jugend. Und ganz tief in mir ist da ein Teil Liebe, die ich mir kaum eingestehen mag. Papa, Gott und Teufel, eine schwer zu fassende Dreieinigkeit.

Ich sein war nie einfach 1. Ein holpriger Weg ins Leben

Ich wurde im April 1966 gezeugt. Ein Vorgang, bei welchem ich jede Schuld von mir weise. Vermutlich bemerkte meine Mutter den Schlamassel gute vier Wochen später. Das waren immerhin vier Wochen, in denen sie mich nicht gehasst hatte.
Somit wurde ich im Januar 1967 geboren. Auf einem Küchentisch. Typisch ich, irgendwie. Exakt zwischen Tag und dunkel. Meine Großkusine hat mich deshalb eine Hexe genannt. Auch diesen Vorwurf weise ich von mir.
Dem Drama wohnte bei:
Die unglückliche Mutter, die vom Erzeuger des Balges (also mich) schlicht sitzen gelassen wurde und die sich redlich, wenn auch letztendlich vergeblich abmühte, die Frucht ihres Leiben zu lieben, wo sie schon mal da war.
Eine Hebamme. Sie wurde wenig später die Großmutter meiner Schulfreundin Carmen. Eine der wenigen Leute im Dorf, die meine Mutter sicher nicht verurteilt hatte. Sie hatte ihre eigene Geschichte.
Mein dank meiner Geburt frisch gebackener Stiefvater, der Mann, den meine arme Mama hatte heiraten müssen, auf dass ihr Unglück komplett sein möge. Ich vermute, er hatte sich noch während der Wehen, die mich, aus dem warmen, wenn auch unwilligen Mutterleib in die kalte Dämmerung eines Spätnachmittages in die Welt schoben, all die Unbilden ausgemalt, mit denen er mich die folgenden Jahre zu quälen gedachte. Ich muss sagen, er war einfallsreich.
Drei mal habe ich versucht, den Fehler meiner Anwesenheit in dieser Welt rückgängig zu machen. Den ersten im Sommer 1968. Während die Studenten gegen den Muff unter den Talaren revoltierten, protestierte ich gegen das Leben im allgemeinen und gegen meines im Besonderen. Die Studenten mittels Demonstrationen, ich mittels Heizöl. Ein versuchter Suizid mit gerade achtzehn Monaten. Man sollte Kleinkinder nicht unterschätzen, sie haben Instinkt. Vier Wochen Krankenhausaufenthalt und eine Lungenentzündung später war ich wieder hergestellt. Mein Stiefvater hat noch lange herzlich gelacht über die Geschichte. Ist ja auch zu komisch: Trinkt die Göre das Heizöl, das er doch hinter dem Ofen in einer Colaflasche versteckt hatte. Der Alte hatte immer einen eigenen Humor. Da war die Geschichte einer Narbe an seinem Oberarm. Seine Mutter hatte dem Achtjährigen ein Messer hinterhergeworfen und getroffen. Was haben wir darüber gelacht. Die beiden anderen Versuche, mich aus der Welt davon zu stehlen, lasse ich beiseite. Nur so viel: Es ging schief.
So bin ich also hier. Immer noch und wohl noch eine ganze Weile. Machen wir das Beste daraus.

Ein Buch voller leerer Blätter

Es ist Anfang Mai und warm. Von meinem Kinderzimmer aus sehe ich in unseren Garten. Nahe am Fenster steht ein Kirschbaum, daneben Büsche mit Stachelbeeren und Johannisbeeren. Den Baum mag ich besonders. Wenn er blüht, ähnelt er einer knorrigen Braut unter einem prächtigen Schleier. Bald wirft der Brautbaum seinen Schleier ab und für eine kurze Zeit bedecken die kleinen Blüten den ganzen Boden unter dem Fenster. Im Baum lebt eine Fee. Nachts winkt sie mir zu und flüstert in meine Träume hinein. Natürlich weis ich, dass es keine Feen gibt, schließlich bin ich neun Jahre alt, also kein Baby und komme im Sommer in die vierte Klasse. Aber mir gefällt die Vorstellung.

Vom nahen Spielplatz dringt der Lärm spielender Kinder in mein Zimmer und erinnert daran, dass ich hinausgehen sollte. Mutter wäre das vermutlich recht. Aber sie ist ohnehin nicht zu Hause, also sieht sie es nicht und ich tue mich schwer mit den anderen Kindern. Wenn ich renne, watschele ich wie eine alte Ente. Außerdem schmerzen meine Beine. Ich beklage mich nicht wegen der schmerzenden Beine, habe andererseits keine Lust die Schmerzen regelrecht herauf zu beschwören. Auf die Hänseleien der Kinder, wegen meines merkwürdigen Ganges kann ich erst recht verzichten. Wenn ich renne, quaken sie mir hinterher und bewegen die Arme wie Flügel.

Ich öffne ich das Fenster damit die Frühlingsluft herein kommt und beschließe einen gemütlichen Tag zu verleben. Das Zimmer, das ich mit meiner jüngeren Schwester bewohne, ist klein. Auf jeder Seite steht ein Bett. Ihres neben der Tür zum Schlafzimmer der Eltern, meines gegenüber. Zwischen uns ist ein schmaler Platz zum Spielen. Außerdem hat jede von uns Mädchen einen eigenen Schrank, in dem unsere Kleidung und die Spielsachen verstaut sind. Seit gestern hängt ein weißes Regal über meinem Bett: Platz für all meine Bücher! Es sind fast hundert und ich habe jedes Einzelne davon mehr als einmal gelesen. Einige der Bücher sind schon alt. Es sind die Märchenbücher meiner Großkusine. Die Schrift darin ist seltsam verschnörkelt. Ich hatte eine Weile gebraucht, sie lesen zu lernen. Aber um der Märchen willen lernte ich sie.
Fest verschlossen zwischen den Deckeln der Bücher, eingehüllt in den Duft von altem und neuem Papier leben meine Freunde. Das erste Buch der kleinen Sammlung hat einen Ehrenplatz: „Ute mit der Tute“. Ich war mit Ute unterwegs, während sie mit ihrer Wünsche erfüllenden Zaubertute herrlichen Unfug angestellt hat. Jeden gelungenen Streich habe ich mit ihr gefeiert! Am Ende hatte jemand die Tröte kaputt gemacht. Dafür bekam die Untröstliche einen Zauberfüller geschenkt. Mit diesem Füller schreibt Ute automatisch alles richtig. Ein derartiges Schreibgerät könnte ich gebrauchen. So viel und so gerne ich auch lese, die richtige Schreibweise der Wörter wollen einfach nicht in meinen Kopf. Die fünfen in den verhassten Diktaten bescheren mir regelmäßigen Ärger und stundenlanges Üben. Immer wieder Diktate. Ich schreibe ungern. Ich bin zu dumm dazu. Wer nicht richtig schreiben kann, der ist dumm, sagt Mutter. Wenigstens kann ich Lesen. Das lernte ich erstaunlich schnell. Seitdem habe ich jede Menge Freunde. Sie laden mich ein zu ihren Abenteuern. Ich verschwinde und die Welt versinkt in einem wohltuenden Nebel. Wenn ich lese, erwachen die Bücher. Die Figuren darin stehen auf, sie reden mit mir. Ich sehe mit ihren Augen, höre mit ihren Ohren und ich rieche mit ihren Nasen. Fremde Orte entstehen um mich herum. Höhlen, Wälder, Schlösser, Burgen und magische Wesen. Kuchenbackende Mütter und Geschichten erzählende Großmütter. Ich spiele mit Prinzessinnen, reite mit Prinzen los, um Drachen zu erlegen. Zauberer und Hexen bevölkern den schmalen Raum zwischen den Betten. Ganze Welten stehen wie geheime Schätze in Buchdeckeln in meinem Regal. Ich kann mir jeden Tag aussuchen, in welcher ich heute verschwinden will. Und wenn ich nach einer bestimmten Welt, nach bestimmten Freunden Sehnsucht verspüre, warten sie zuverlässig auf mich in dem neuen, weißen Regal.

Zu Ostern schenkte meine Patin mir ein besonderes Buch. Es ist voller leerer Seiten. „Tagebuch“ steht in silberner Schrift auf dem Einband. Meine Tage sind nicht spannend. Sie in das wunderschöne, blaue Büchlein zu schreiben scheint mir vergeudetes Papier. Ein silbernes Schloss hällt die Seiten des Buches zusammen. Ein winziger Schlüssel gehört dazu. Niemand wird lesen, was ich darin aufschreiben werde, hat die Patentante gesagt. Immerhin sieht damit auch keiner meine Rechtschreibfehler. Die leeren Seiten waren erst eine Enttäuschung. Leere Seiten, das bedeutet: keine Geschichten, kein Abtauchen in Abenteuer, keine neuen Freunde. Aber da war auch eine Faszination, die ich nicht greifen konnte. Leere Seiten, die nach etwas verlangten. Nur, wonach? All das schleicht mir durch den Kopf, während ich überlege, mit welchem meiner Bücher ich den Nachmittag verbringen will. Ich greife in mein Regal und drehe eben dieses leere Buch in den Händen. Das blaue Buch mit dem Schloss, die Schlüsselchen noch daran hängend. Ich setze mich auf das breite Fensterbrett und blättere darin, wohl wissend, dass nichts darin steht. Leere Blätter.
Die Fee im Kirschbaum lächelt zu mir herüber und zeigt in Richtung der Straße.

Links kann ich einen Teil des Bürgersteiges sehen. Zwei Kinder fahren dort mit einem Skateboard. Es sieht aus, wie ein einziger Rollschuh mit einem bunten Brett darauf. Wer kam auf die Idee, ein Brett auf einen Rollschuh zu schrauben? Wie könnte es gewesen sein? Warum hat das jemand gemacht? Das Skateboard packt mich, obwohl ich mich niemals trauen würde darauf zu fahren. Ob es die Kinder selbst erfunden haben? Freunde, die miteinander spielen wollten, aber nur ein paar Rollschuhe hatten? Es scheint mir möglich. Warum auch nicht? Kinder haben Ideen, so lange niemand sie daran hindert. In meinem Kopf formt sich eine Geschichte. Ich sehe die beiden vor mir. Es sind zwei Jungs. Ich höre sie reden, sich beraten. Ich stehe unsichtbar hinter ihnen. Eine Scheune taucht auf. Sie sieht fast so aus, wie die Scheune neben unserem Haus. Dort finden sich Werkzeuge, ein Brett, Farbe. Ich rieche den Duft der Farbe und des gesägten Holzes. Einer der Jungs hat eine Idee. Sie werden aus einem Paar Rollschuhe zwei Rollbretter bauen! Natürlich gibt es einen netten Vater, der den beiden dabei hilft. Einen Vater, wie ich gerne einen hätte, freundlich, hilfsbereit, einen der Zeit hat. Da wird gebastelt und gemalt und am Ende stehen dort zwei Skateboards.

Die Geschichte in meinem Kopf fasziniert mich. In meiner Hand liegt das blaue Buch mit den leeren Seiten. Leere Seiten! Aufregend! Ein Buch, das noch nicht geschrieben ist. Die Blätter verwandeln sich zu Möglichkeiten. Zu meinen Möglichkeiten, zu meinen Geschichten, die noch nicht geschrieben sind. Ich, die ungern schreibt, weil das mit der Rechtschreibung einfach nicht in den störrischen Kopf will, schnappe das Buch, einen Federhalter und setzte mich auf den Boden zwischen den Betten. Die Welt um mich hört auf zu existieren. Die ersten Seiten zu füllen sich. Es gibt nur noch mich, einen Federhalter und eine Geschichte, die sich aus dem Raum um mich herum über die Tinte in ein blaues Buch ergießt, in krakeliger Kinderschrift und vor Rechtschreibfehler strotzend. Ohne zu wissen, wie lange ich bäuchlings auf dem bunten Teppich verbrachte, wird sie fertig. Ich stehe auf wie betäubt, habe einen Riesenhunger und muss dringend zur Toilette. Nichts davon hatte ich bemerkt. Das blaue Buch stelle ich sorgsam verschlossen in das Regal über meinem Bett zu den anderen Büchern.

Eines Tages will ich Bücher schreiben.

Die Tür

Geriffeltes Glas, ein Rahmen aus rötlich-braunem Holz und die messingfarbene Borte zwischen Holz und Glas. Neben der Tür, eine Wand aus Spiegelkacheln die jedes Bild unweigerlich in kleine, quadratische Teile zerbrach. Ich sah mich nie ganz darin; immer in Mosaikteile zerbrochen, die drohten durcheinander zugeraten.
Die Tür, zwischen mir und der Welt. Auf meiner Seite, das vertraute Gefängnis, gewohnte Folter und die Wärter. Mein zu Hause.
Hinter der Tür, nichts als verstörende, kalte, klare Freiheit. Ein ganzes Leben stand ich vor dieser Tür, starrte sie und das zerklüftete Spiegelbild neben ihr an.
Der sanft geschwungene Messinggriff verlangte, hinunter gedrückt zu werden.
Sie würde aufschwingen, mich nach draußen stoßen. Die Tür war nicht abgeschlossen. Das war sie nie. Der Schlüssel steckte im Schloss, niemand hatte ihn je herumgedreht. In meinem Kopf hatten die Wärter sie fest verschlossen.
Ein einziger Griff meiner Hand würde genügen. Ich konnte fühlen, wie sich das kalte Metall sanft in die Handfläche schmiegen wollte. Die Tür wollte es mir leicht machen.
Mein ganzes Leben stand ich nun schon vor dieser Tür, stellte mir das Messing in der Hand vor, wie ich es herunter drückte, die Tür öffnete und einfach ging.
Am unteren Ende, knapp über dem Boden war etwas mit Kreide geschrieben. Die Schrift flimmerte bläulich:
„Du musst dich nur trauen.“

Anubis

Schon wieder waren zwei Knospen ihres Rosenbusches abgebrochen. Karo seufzte.
„Schau dir das an, Anubis.“ Anubis, eine betongraue Sphinx, sah es sich an. Ziemlich genau sogar, wenn man bedachte, dass sie eine Katze war. Das graue Tier mit dem schrumpeligen Katzengesicht folgte Karina auf Schritt und Tritt, wenn sie nicht gerade in Karinas Bett eingekuschelt den Tag verschlief. Sie saß neben ihrem Teller, bewachte Karinas Schlaf und verscheuchte fremde Katzen energisch aus dem kleinen Garten. So benahm sie sich vom ersten Tag an, seit Karina sie zwei Wochen zuvor zu sich genommen hatte. Die junge Frau half einmal die Woche bei einem befreundeten Tierarzt aus. So auch an dem Tag, an dem Anubis hatte sterben sollen. Angeblich hatte die Katze den alten Kater der Familie verjagt und versucht das neugeborene Baby zu ersticken. Der Docktor sollte das arme Tier einschläfern. Statt dessen hatte Karina die laut klagende Katze mitgenommen. Nun lebte sie bei Karina und schien sich denkbar wohl zu fühlen. Und weil die junge Frau wenige Tage danach einen lang vermissten Freund wieder getroffen hatte, betrachtete sie Anubis als ihre Glückskatze. So waren sie also ein Herz und eine Seele.
„Hilft nichts, ich muss zur Arbeit,“ erklärte sie der Katze, die aufmerksam die Ohren spitzte.
„Redest du immer mit der blöden Katze?“ Das war Kevin, der Nachbarsjunge. Zwölf Jahre alt, zu dick, zu dumm und vor allem zu frech für sein Alter.
„Jep,“ antwortete Karo, „und wenn keiner zuhört, dann antwortet sie sogar.“
„Das Vieh ist total hässlich. Das sollte besser in der Wohnung bleiben,“ krähte Kevin und bemühte sich bedrohlich zu klingen. Anubis fauchte ihn an.
„Siehst du, die versteht jedes Wort,“ entgegnete sie dem Jungen, schnappte sich die Katze und verschwand in der Wohnung. Dort gab sie Anubis eine Schale ihres Lieblingsfutters, Hähnchenstücke mit Käse, und verabschiedete sich von ihrer Freundin: „Pass ein bisschen auf die Rosen auf, ja? Ich muss los“
Es war Mittwoch, der Tag, an dem sie in der Praxis aushalf.
Kaum hatte Karo die Wohnung verlassen, streckte sich der graue Körper, die Muskeln unter der betonfarbenen Haut bewegten sich wie Würmer, die Knochen begannen sich knackend zu verändern. In wenigen Sekunden stand dort, wo vorher eine graue Katze gekauert hatte, eine junge Frau mit glänzendem schwarzen Haar. Sie ging ohne Zögern in das Schlafzimmer und zog Karos rotgeblümten Kimono über. Dann ging sie in den Garten, schnappte sich einen Liegestuhl und machte es sich in der Sonne gemütlich. Wenige Minuten später öffnete sich die Tür des Nachbarhauses. Der übergewichtige Kevin und seine verhärmt aussehende Mutter verliesen das Haus und machten sich daran, Karos kleinen Vorgarten zu durchqueren.
„Hey, sie haben schon einen richtigen Pfad hier durchgetrampelt.“ Die Nachbarin sah die Frau böse an und bog zum Bürgersteig hin ab. Kevin reckte seinen speckigen Mittelfinger. „Und du junger Mann, lass die Rosen in Ruhe. Sonst gibts Ärger!“
„Lassen sie lieber meinen Sohn in Ruhe,“ keifte die Nachbarin. „Und auserdem ist das gar nicht dein Haus,“ setzte Kevin hinterher. Anubis sah den beiden nach. Ein böses Lächeln umspielte ihren Mund als sie aufstand und mit streichelnden Bewegungen über die verbliebenen Knospen der Rose strich.
Als Karo nach Hause kam lag eine kleine, betongraue Katze friedlich in ihrem Bett und schlief.
Zwei Tage später klingelte es an der Tür. Die aufgebrachte Nachbarin mit einem entstellten Jungen an ihrer Seite funkelte Karo an. „Was für ein Giftzeug haben sie in ihrem Garten versprüht? Sehen sie was sie hier angerichtet haben. Das ist Körperverletzung, ich zeige sie an….“ Die Schimpfkanonade nahm kein Ende. Erst jetzt erkannte sie Kevin. Gesicht und Hände waren mit dicken, roten Pusteln übersäht. Rotz lief ihm aus der Nase. „Das tut so weh“ heulte er.
„Nichts,“ sagte Karo nur. „Reist du meine Rosenknospen immer ab“?„Kinder machen so etwas. Kein Grund sie gleich zu vergiften“ schnaubte die Nachbarin. Anubis saß derweil neben Karo und putzte sich. Die Nachbarin verschwand schimpfend und zog den heulenden Kevin hinter sich her.
„Hast du vertanden, was mit denen los ist, Anubis?“ Die Katze räkelte sich und gähnte ausgiebig.
Am nächsten Mittwoch saß Anubis, wieder in Karos Kimono im Garten, als ein dicklicher Junge mit bandagierten Händen vorbeischleichen wollte.
„Na, das juckt bestimmt.“ Sagte sie und zeigte auf die roten Pusteln im Gesicht. Kevin nickte und wollte schnell weiter gehen. „Brennt es?“ Rief sie ihm hinterher. Kevin kehrte langsam um. „Weist du etwas dagegen?“
„Ja, entschuldige dich bei der Rose.“ Kevin starrte sie an.
„Spinnst du?“
„Deine Sache, mir brennt nichts.“ Kevin besah sich die Rose und murmelte „tschuldigung“. Mit einem leichten Kribbeln schwoll die Nase ab und Kevins normale Haut kam zum Vorschein. Verdutzt fasste er sie an.
„Du musst es lauter sagen.“ Er drehte sich noch einmal zur Rose um und sagte laut und deutlich „Entschuldigung Rose.“ Das Kribbeln erfasste beide Ohren.
„Die Rose mogelt“, maulte er Anubis an. Du musst es richtig, richtig laut sagen. Und nett sein dabei“!
Kevin dreht sich wieder dem Busch zu und brüllte: „Entschuldigung liebe Rose, ich tue es nie wieder!“
„Was machst du da, Kevin?“ Hinter ihm stand seine Mutter mit verschränkten Armen. „Bist du jetzt total übergeschnappt?“ „NNNein, stotterte der Junge, die Frau da hat gesagt, das hilft gegen den Ausschlag.“ Er lieg tiefrot an und zeigte mit ausgestrecktem Arm auf den Liegestuhl. Dort, wo eben noch die junge Frau lag, hatte sich eine graue Katze zusammengerollt. Auf dem Boden lag ein rotgeblümter Kimono. Während die Nachbarin einen purpurroten Jungen hinter sich her ins Haus zog, blinzelte Anubis in die Frühlingssonne.

Göttinendämmerung

Servus Leute, ich bin es: euer Gott. Genauer gesagt, euere Göttin. Ich schuf die Frau nach meinem Ebenbild und den Mann als abgespeckte Version, ihr zu dienen, zu ihrem Schutz vor wilden Tieren und um sie zu erfreuen. Hat ja super geklappt. Statt seine Arbeit zu erledigen verbringen einige der Kerle ihre Zeit damit, Frauen unschöne Dinge anzutun, die ich hier nicht weiter erwähnen werde. Ihr wisst, wovon ich rede. Lasst die mir in den Himmel kommen!
Im Augenblick müssen die Seelen allerdings auf ihr Abschlussgespräch zum jeweils letzten Leben warten. Ich bin auf Erdenurlaub. Gelegentlich gönne ich mir eine Wiedergeburt und bleibe ein ganzes Menschenleben hier, zwischen euch. Schließlich will ich auch etwas von meiner Schöpfung haben. Das mit den sieben Tagen, wie es in der Bibel steht, ist übrigens Quatsch. Die Erde zu erschaffen, so wie sie jetzt ist, war eine Menge Arbeit. Und wenn ich sehe, wie ihr mit eurem Spielzeug umgeht … Also, ich baue vorerst keine Neue, wenn sie kaputt ist. Nur damit ihr das klar ist.
Kinder!
Was ich auf der Erde treibe? Ich habe mir ein Wenig Übergewicht angefuttert (das mit der Pizza habt ihr super hinbekommen. Lecker, das Zeug, Mama ist stolz auf euch), schlendere durch die Welt und sehe dabei zu, was ihr treibt. Und weil ich Geld brauche, diesen Körper zu versorgen, habe ich mich zu HarzV angemeldet. Einer der Gründe, warum ich Deutschland als Urlaubsort gewählt. Man könnte mich also, streng genommen, zu den Wirtschaftsflüchtlingen zählen. Ich lebe hier, obwohl ich mich in jedem Teil der Welt hätte niederlassen können und falle dem deutschen Sozialsystem auf die Tasche. Na, was sagt ihr nun?
Warum ich nicht arbeite? Weil das nicht meine Aufgabe ist. Ich habe den ganzen Kram um euch herum gebastelt. Und nun ist das göttliche Sein alles, was ich zu tun gedenke. Lebt damit.
Warum es Kriege, Hunger und Armut gibt? Es ist nicht mein Job, mich hier um jeden Scheiß zu kümmern. Ich erschuf Himmel und Erde mit allem, was darauf kreucht und fleucht. Euch inclusive. Der Rest müsst ihr regeln. Und nein, ich interessiere mich auch nicht für Politik. Ich habe jedem Menschen, ja, sogar den Männern, selbstden Politikern, ein Gewissen mitgegeben. Das ist sozusagen die göttliche Standleitung über die ihr jederzeit das, was ihr tut, hinterfragen dürft. Wer fragt, der bekommt Antwort. Ungefragt halte ich mich da raus. Freier Wille und so, schon vergessen? Ich mische mich erst im Abschlussgespräch wieder aktiv ein. Atheisten finde ich im Übrigen süß. Deren dumme Gesichter solltet ihr sehen, wenn sie bei mir, am göttlichen Himmelstisch zum Gespräch erscheinen.
Ob es eine Extrastrafe für Unglauben gibt? Warum sollte ich? Vor mir sind alle gleich. Und ich bestrafe auch niemanden. Das erledigt sich quasi von alleine. Göttlicher Thron? Nö, brauche ich nicht. Ist mir zu ungemütlich. Am Küchentisch lässt es sich einfach besser reden. Direkt vor meinem Angesicht martert ein schlechtes Gewissen die Seele gewaltig. Die reinste Hölle. Adolf zum Beispiel. Der windet sich immer noch in der Qual seiner Gewissensbisse.
Da fällt mir auf, eigentlich wisst ihr schon alles. Allein das Wort „Gewissensbisse“! Nehmt das ruhig wörtlich, es passt besser, als ihr ahnt. Achtet überhaupt ein wenig mehr auf die Sprache. Nicht vergessen, am Anfang war das Wort!