„Schau mal Mama, ich hab eine Geschichte geschrieben!“ Stolz streckte die siebenjährige Anna ihrer geliebten Mama ihre erste selbstgeschriebene Geschichte hin. Die Kinderschrift war ungelenk, das Papier im Eifer des Gefechtes leicht zerknittert. Zwei ganze Seiten hatte die kleine geschrieben. Ihre Mutter las mit gerunzelter Stirn.
Variante 1
„Die Geschichte ist ganz schlecht.“ Ohne weitere Worte gab sie Anna das so mühsam beschriftete Blatt zurück. Anna sank in sich zusammen. Nie wieder, so schwor sie sich, würde sie eine Geschichte schreiben.
Nie wieder dauerte immerhin einige Jahre an. Dann schrieb Anna wieder. Aber nie wieder gab sie ihrer Mutter eine einzige Zeile davon.
Variante 2
„Ganz ok.“ Mit einem zaghaften Lächeln gab sie Anna das Blatt zurück. Anna war traurig. Sie hatte auf mehr als „ganz ok“ gehofft. Es dauerte eine Weile, bis sie sich an ihre nächste Geschichte wagte, obwohl doch so viele davon in ihrem Kopf herumschwirrten.
Variante 3
Beim Lesen huschte ein warmes Lächeln über das Gesicht der Mutter. Die Geschichte strotzte nur so von Rechtschreibfehlern. Anna tat sich schwer damit.
„Da hast du dir aber richtig viel Mühe gegeben. Wenn du magst können wir zusammen die Schreibfehler korrigieren.“ Eigentlich hasste Anna die Schreibübungen. Aber das war immerhin ihre eigene Geschichte. Nach einer halben Stunde waren die Fehler korrigiert und Anna schrieb die ganzen zwei Seiten noch einmal ab. Mama war stolz auf ihr kleines Mädchen. Von nun an war das an fast jedem Tag ihre gemeinsame Übung. Anna schrieb eine Geschichte. Mama korrigierte die Fehler und Anna korrigierte sie. Bis die Fehler immer weniger, und die Geschichten immer bunter wurden.
Variante 4
„Du bist ja eine richtige kleine Autorin!“
„Was ist eine Autorin?“
„Das ist eine Frau, die Geschichten schreibt. Bücher und so.“ Anna hatte ein mulmiges Gefühl. Die Geschichte zu schreiben hatte ihr Spaß gemacht, aber gleich ein ganzes Buch? Ob sie so viele Geschichten erfinden konnte? Mama bemerkte das besorgte Gesicht ihres Kindes und musste lachen.
„Keine Sorge, Anna, du musst keine Bücher schreiben. Aber schreib ruhig weiter Geschichten, wenn du magst. Ich lese sie gerne. Und vielleicht hast du eines Tages ein ganzes Buch davon.“ Anna war erleichtert.
Sie schrieb weiter. Nicht unbedingt jeden Tag. Aber fast in jeder Woche fiel ihr eine neue Geschichte ein. Mama las sie alle und freute sich über die Fantasie der Kleinen.
An Annas zehntem Geburtstag wartete eine ganz besondere Überraschung auf sie. Auf ihrem Geburtstagstisch lag ein Buch mit dem Titel: „Annas Geschichten“
Mama hatte sie gesammelt, abgetippt und zu einem Buch verarbeiten lassen.
„Siehst du Anna, jetzt bist du eine Autorin!“
Variante 5
Mama las die Geschichte einmal, las sie ein zweites und ein drittes Mal. Dann traten ihr Tränen in die Augen. Schluchzend umarmte sie das Kind. Anna wusste nicht, was sie davon halten sollte. Sie hatte Mama doch nur eine Freude machen wollen. Warum weinte sie nun so sehr. Unbeholfen strich sie der Mutter mit der kleinen Hand durchs Haar.
„Ist die Geschichte so schlimm?“ , fragte sie mit leiser Stimmen, nun selbst den Tränen nahe.
„Schlimm?“, schluchzte die Mutter. „Im Gegenteil, sie ist fantastisch! Du bist si talentiert. Du bist ein Genie, Anna.“ Anna wusste nicht, was ein Genie ist, wagte aber nicht zu fragen.
„Warum weinst du dann?“ Anna blickte ihre Mutter ratlos an.
„Weil ich mich so freue, weil ich so sehr stolz auf dich bin.“ Anna wusste, dass sie sich nun eigentlich auch freuen sollte, und gab sich redlich Mühe mit der Freude. Aber irgendwie war da ein mulmiges Gefühl in ihr, ohne dass sie hätte sagen können, warum.
Am nächsten Tag als Anna von der Schule kam, erwartete sie eine Überraschung. Mama hatte ihr einen eigenen Laptop gekauft. Der stand nun auf ihrem kleinen Schreibtisch, nahm viel zu viel Platz ei und wirkte irgendwie falsch zwischen all den Buntstiften und zusammengeschobenen Kinderzeichnungen. Anna besah sich die Katastrophe und blickte fragend zu ihrer Mutter hoch. Auch das unangenehme Gefühl in ihrem Bauch war mit einem Schlag zurück. Gleichzeitig fühlte sie deutlich die Verpflichtung, sich sofort zu freuen. Welches siebenjährige Kind hatte einen eigenen Laptop? Nur Kai aus ihrer Klasse hatte einen. Mit ganz tollen Spielen drauf. In Anna keimte eine leise Hoffnung auf.
„Sind da Spiele drauf? So wie bei Kai?“ Mutter winkte ab und die Hoffnung versank in einem tiefen Loch.
„Der ist doch nicht zum Spielen! Da ist ein Schreibprogramm für Autoren drauf!“
„Hä?“
„Für deine Geschichten natürlich!“ Anna sah den kleinen Kasten ratlos an. Sie hatte eine einzige Geschichte geschrieben und dafür schien ihr Papier und Bleistift gut genug gewesen.
„Aber ich kann doch gar nicht mit dem Lapptopp schreiben.“ Mutter winkte ab.
„Das lernst du ganz schnell.“ Dann sah sie Anna wieder mit Tränen in den Augen an und seufzte: „Mein kleines Genie!“
Von da an musste Anna jeden Tag mit ihrer Mutter das Schreiben auf der Tastatur üben und lernen, wie man das Schreibprogramm bediente. Es war ein professionelles, extra für Autoren. Also gerade gut genug für Anna, zumindest nach Meinung ihrer Mutter. Nachdem Anna begriffen hatte, wie es funktioniert, musste sie ihre Geschichte abschreiben. Die Schreibfehler korrigierte ihre Mutter. Für Hausaufgaben blieb natürlich keine Zeit. Nach zwei Wochen wurde Annas Mutter dann auch in die Schule bestellt.
„Guten Tag Frau Müller, schön, dass sie sich Zeit genommen haben. Ich muss ihnen leider sagen, dass Anna seit zwei Wochen keine Hausaufgaben gemacht hat. Außerdem scheint sie im Unterricht abwesend, macht kaum noch mit.“
Annas Mutter setzte ein überlegenes Lächeln auf.
„Anna hat besseres zu tun. Sie ist ein Genie, wie sie sicher schon bemerkt haben.“ Die Lehrerin sah Frau Müller verblüfft an.
„Nun, wir haben Anna bislang als intelligentes Kind mit viel Fantasie erlebt…“
„Sehen sie,“ ereiferte sich Annas Mutter. „Wussten sie dass Anna schreibt? Ihre Geschichten sind so wundervoll, so reif und intelligent geschrieben…“ Die Lehrerin runzelte die Stirn.
„Wie viele Geschichten hat sie denn geschrieben?“
„Bislang erst eine. Aber in den letzten beiden Wochen hat sie sich in einSchreibprogramm eingearbeitet. Daher kam sie eben nicht zu den Hausaufgaben. Eine Jungautorin wie Anna braucht einfach ihre Freiheiten.“
Alle Einwände der Lehrerin stießen auf taube Ohren und Annas Mutter rauschte in dem Bewusstsein davon, das kindliche Genies eben oft unverstanden bleiben. Nur gut, dass Anna sie hatte.
Zuhause wurde die fertige Geschichte dann auch gleich an diverse Verlage geschickt und Anna vor den Laptop gesetzt, damit sie neue Geschichten schreiben konnte. Als ihr nichts einfiel, machte Mama kurzerhand Vorgaben. Anna saß nun stundenlang vor der Tastatur und zerbrach sich den Kopf, was um aller Welt sie schreiben sollte. Wo waren nur all die Geschichten geblieben, die bislang in ihrem Kopf gewesen sind? Anna schrieb nichts mehr. Keine einzige Geschichte. Nach weiteren zwei Wochen ohne Hausaufgaben räumte Mutter den Rechner wortlos weg, ohne Anna auch nur eines einzigen Blickes zu würdigen. Anna beschloss. Nie wieder zu schreiben.
Nie wieder dauerte ein paar Jahre, dann schrieb Anna wieder. Alle Geschichten verbarg sie sorgsam, so dass Mama keine einzige davon zu lesen bekam.







